Rezensionen

Tim Binding „Sylvie und die verlorenen Stimmen“

Originaltitel: Sylvie and the Songman

Verlag: Knaur (Dezember 2008)

Seiten: 319

ISBN: 3426663287

Preis: 14,95 €

Inhalt

Sylvie wäre gerne ein ganz normaler Teenager. Aber das ist nicht einfach, wenn man einen Vater hat, der Instrumente wie das Aquakkordeon erfindet, um die Musik des Meeres zu spielen. Und dann ist er eines Tages spurlos verschwunden.

Meinung

Sylvie ist eigentlich ein ganz normales Mädchen, nur ihr Umfeld nicht. Ihre Mama ist bei einem Strandurlaub einfach in den Wellen verschwunden, ihr Vater baut Musikinstrumente, die Naturtöne imitieren sollen und ihr Hund hat seit einigen Tagen keine Stimme mehr. Und dann passiert auch noch das: Bei der Reparatur eines der Instrumente gibt es ein riesiges Erdbeben, ihr Vater tut plötzlich geheimnistuerisch und ist am nächsten Tag verschwunden. Was Sylvie bleibt, ist ihr Hund Mr. Jackson und ihr etwas seltsamer bester Freund George, die gemeinsam mit Sylvie auf die Suche nach ihrem Vater gehen. Dabei bemerken sie, dass viele Tiere keine Stimme mehr haben. Außerdem verfolgt sie ein seltsamer Mann mit rotem Zylinder, der „Spechtmann“, auf ihrer Suche und kommt den dreien gefährlich oft nahe.
„Sylvie und die verlorenen Stimmen“ verspricht eine schöne, spannende Geschichte zu werden, wenn man den Klappentext liest. Doch trotz der originellen Grundidee dümpelt der Roman einfach nur vor sich hin. Sylvies und Georges Reise scheint völlig ziellos zu sein, auch wenn die Tiere vorgaukeln, sie wissen, wohin sie die beiden führen. Doch jeder Handlungsstrang, der aufgenommen wird, verläuft im Sand. Ein auffälliges Beispiel für dieses Problem wäre der Triangelstab des Spechtmanns. Sylvie und George finden den großen silbernen Stab im Garten und nehmen ihn an sich. Nachts taucht der Spechtmann mit seiner Triangel im Garten auf und sucht den Stab. Weder George noch Sylvie wissen, was sie mit dem Stab anfangen sollen, lassen den Spechtmann aber lieber das halbe Haus zerstören, anstatt den Stab einfach loszuwerden. Stattdessen schleppen sie ihn auf der halben Reise mit sich, nur, um ihn dann anstandslos an den Verfolger auszuhändigen, als sich die Gelegenheit ergibt.
Man könnte hoffen, die Protagonisten entschädigten für den fehlenden roten Faden. Aber auch diese Hoffnung ist vergebens. Sylvie ist zwar sympathisch, aber flach, George ist die Art Kind, bei dem man weiß, wieso es keiner mag, denn er ist einfach nur besserwisserisch und lamentiert bei jeder Gelegenheit. Nicht einmal der Bösewicht – der „Herr der Lieder“ – macht wirklich Angst, von seinem durchschaubaren und unoriginellen Alter Ego ganz zu schweigen. Seine Handlanger scheinen beinahe facettenreicher als er, wären sie nicht unfähig, Aufträge auszuführen.
Sylvie erlangt auf ihrer Reise eine Fähigkeit, die das Lesergemüt spaltet: Sie wird von einem Fuchs gebissen und gleitet daher halb in die Tierwelt hinüber, was es ihr ermöglicht, nachts zu sehen, Dinge in großer Weite zu sehen und vor allem Tiere reden zu hören. Was eine interessante Erfahrung zu werden scheint, löst entweder genervtes Augenrollen oder wenigstens entschädigende Lachmomente aus. Denn Tiere reden nicht wie Menschen, sie haben ihre eigene Sprache. Ab und an ist es komisch, zu wissen, welche Bezeichnung Tiere für Gegenstände haben. Mr. Jacksons Leine heißt bei ihm zum Beispiel „Woistsienur“. Doch nach einigen Seiten, in denen Füchse „flitzflitz“ machen und Häschen „hoppeldihoppeldi“ und Esel „trabiditrabitrab“ fühlt man sich ein wenig wie ein Baby bei einem Zoobesuch.
Vielleicht doch eine kleine Entschädigung ist dafür die optische Aufmachung des Buches. Der Schutzumschlag ist detailreich und ein wenig gruselig gestaltet und erinnert ein wenig an altmodische Schattenrisse. Auch innerhalb des Buches gibt es eine große Zahl von genauen und liebevollen Bleistiftzeichnungen, die die Texte untermalen. So wird aus dem Buch wenn schon kein Pageturner, dann wenigstens ein Schmuckstück im Regal.

Fazit

„Sylvie und die verlorenen Stimmen“ ist ein Buch, das von seiner optischen Aufmachung und seinem Klappentext sehr viel verspricht und umso weniger hält, wenn es an die Ausführung geht. Die Geschichte besitzt keinen durchgehenden roten Faden und dümpelt vor sich hin, ohne Spannung zu erzeugen. Die Protagonisten sind flach oder nervtötend und so manche Sprachwahl lässt daran zweifeln, dass das Buch nicht für 4jährige geschrieben wurde. So hatte der Autor Tim Binding zwar eine gute Idee, aber es einfach nicht geschafft, sie ansprechend umzusetzen.

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2 Kommentare zu „Tim Binding „Sylvie und die verlorenen Stimmen“

  1. Oh, Klappentext und Cover hatten mich eigentlich schon angesprochen, aber wenn du sagst, dass es nicht hält, was es verspricht, überlege ich mir das lieber noch mal. Für den Preis vor allen Dingen. Da sind andere Bücher erstmal wichtiger.

    LG,
    Nina

  2. Ich hab das ja als Rezensionsexemplar bekommen, sonst hätte es mich um das Geld echt gereut. Ich hab gesehen, dass es mies bewertet wurde, als ichs im Büchertreff auf meine „Ich lese gerade“-Liste gesetzt habe, aber dachte nicht, dass es so schlimm ist. Und wenn man anfängt, dann wirkt es auch noch nicht so, aber wenn man erstmal ein paar 50 Seiten hat, dann wird man langsam echt ermüdet… Es ist nicht einmal so, dass es haarsträubend wäre oder sprachlich schlecht, es ist nur einfach so unheimlich öde…

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