Rezensionen

Agnes Hammer „Herz, klopf!“

Verlag: Script5 (September 2009)

Seiten: 274

ISBN: 3839001048

Preis: 12,90 €

Inhalt

Mitten im Getümmel des Düsseldorfer Straßenkarnevals wird ein Mädchen entführt: Franka, 13 Jahre, eher unscheinbar, aber sehr begabt. Franka schreibt Gedichte, sehr emotional und fast apokalyptisch, und tauscht sich per Internet mit anderen Jugendlichen darüber aus. Im krassen Gegensatz dazu steht ihr Alltag in einem sozial eher schwachen Stadtviertel Düsseldorfs, mit ihrer alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter, vom Vater frisch verlassen. In der Schule wird die blasse Franka häufig gemobbt, wäre da nicht Lissy, die Starke, die auch schon mal zuhaut, wenn ihr einer dumm kommt. Aus irgendeinem Grund fühlt sich Lissy für Franka verantwortlich. Als Franka verschwindet, macht sich Lissy auf die Suche nach ihr. Während die Polizei noch glaubt, dass Franka einem Serientäter zum Opfer gefallen ist, der zur gleichen Zeit im gleichen Stadtviertel ein Mädchen ermordet hat, checkt Lissy Frankas E-mails und findet heraus, dass sich Franka am Tag ihres Verschwindens mit einem gewissen Erlkönig verabredet hatte. Und weil Lissy nicht locker lässt, weiß sie auch bald, wer der Erlkönig ist, und wo er Franka versteckt haben könnte. Was Lissy nicht weiß, ist, dass der Erlkönig auch sie selbst schon lange beobachtet.

Meinung

Eigentlich sind Franka und Lissy gar nicht so eng befreundet. Franka ist die Tochter einer Freundin ihrer Mutter und Lissy fühlt sich für das jüngere Mädchen ein wenig verantwortlich, vor allem, weil Franka oft Ziel von Mobbing ist. Doch sonst hat Lissy viel zu viel mit sich selbst zu tun. Ihre Mutter kauft wahllos ein, ihr Vater lebt auf der Straße und ihr Freund Can meldet sich nicht mehr. Aber dann verschwindet Franka spurlos und Lissy macht sich auf die Suche nach ihr. Doch da ihr die Polizei kein großes Vertrauen schenkt, wendet sie sich an ihre Freundinnen und an ihren Vater und dessen Kumpels von der Straße.

„Herz, Klopf“ enthält mehrere, für Jugendbücher so typische, erhobene Zeigefinger. Das fängt schon mit Franka an. Da Franka in ihrer Stadt und an ihrer Schule nicht beliebt ist, surft sie viel im Internet und sucht sich dort Menschen, die ihre Leidenschaft zur Literatur teilen. Auf diese Art stößt sie auch auf ihren Entführer, mit dem sie sich – ohne vorher irgendjemanden zu informieren – in einem Cafe trifft, wo er ihr KO-Tropfen in ihre Cola schüttet, während sie auf die Toilette geht. Schon allein hier lernt der jugendliche Leser, sich nie mit Fremden aus dem Internet zu treffen, schon gar nicht ohne Rückzugsmöglichkeit in Form von Eltern oder Freunden und auch sein Getränk nie unbeobachtet zu lassen. Zum anderen ist da Lissys Geschichte, die im Allgemeinen aussagen soll, dass man hinter die Oberfläche blicken sollte. Das junge Mädchen macht auf sein Umfeld den Eindruck einer jugendlichen Straftäterin mit Anzeigen für Körperverletzung und keinen Sinn für ihr eigenes Privatleben. Deswegen hört Lissy auch niemand auf der Polizeistation zu, wenn sie Hinweise auf Frankas Verschwinden hat. Vor allem Polizisten, die schon mit ihr zu tun hatten, unterstellen ihr Lügen oder dass sie sich selbst aus misslichen Situationen herauswinden will.

Für Lissy selbst sieht ihr Leben ganz anders aus. Ihre Mutter verdient gerade soviel Geld, dass es zum Leben reicht, gibt aber alles für sinnlose Katalogbestellungen aus, die ihre Tochter dann zurücksenden muss, wofür sie sich auch die eine oder andere Ohrfeige einfängt. Ihr Vater lebt auf der Straße, seitdem seine Frau ihn wegen seines Alkoholismus vor die Tür gesetzt hat. Weil sich Lissy immer um alle anderen kümmern muss, gehen ihre Gefühle oft mit ihr durch. Sie beschreibt ihre Gefühle als Tier, das ein Eigenleben besitzt.

Agnes Hammers Charaktere sind sowohl sehr detailliert ausgearbeitet als auch glaubwürdig, was wohl vor allem daran liegt, dass Frau Hammer mit schwierigen Jugendlichen arbeitet, und damit mit Geschichten wie denen von Franka und Lissy pausenlos in Verbindung steht.

Die Geschichte an sich von einer Kindesentführung ist nicht neu. Auch hat der Leser nicht viel damit zu tun zu rätseln, wer der Entführer ist. Denn einerseits kommt er selbst oft genug zu Wort und andererseits wird es sehr früh im Buch aufgeklärt. Auch sein Motiv wird innerhalb kürzester Zeit aufgeklärt. Was übrig bleibt ist die Frage, wo er Franka versteckt hält. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte spannend, da man innerlich die Uhr ticken hört, je mehr man bemerkt, dass der Entführer vollkommen den Verstand verliert.

Besonders schön an „Herz, Klopf“ sind die Gedichteinschübe von Franka. Da das Mädchen gefesselt in ihrem Versteck liegt und nichts zu tun hat, dichtet es und diese Gedichte stehen an jedem Kapitelanfang. Dabei entspricht ein Kapitel einem ablaufenden Tag.

Fazit

„Herz, klopf“ von Agnes Hammer ist eine interessante Mischung zwischen Psychothriller und Jugendbuch. Die Protagonisten haben in ihrem Leben mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen, die es ihnen auch erschweren, hinter das Geheimnis der verschwundenen Franka zu kommen. Dabei klingt auch die eine oder andere Kritik an allzu oberflächlichen Betrachtungen an, oder ein warnendes Wort, nicht zu sorglos und blauäugig auf Fremde zuzugehen. Man merkt, dass Agnes Hammer mit Jugendlichen arbeitet, denn ihre Charaktere sind sehr realistisch und wirken insgesamt völlig glaubwürdig.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s