Rezensionen

|Rezension| Joachim Masannek „Wildernacht“

Verlag: Schneider (Oktober 2009)

Seiten: 441

ISBN: 3505125970

Preis: 14,95 €

Inhalt

Es gibt keine erfundenen Geschichten, alle Geschichten passieren in Wirklichkeit.
Das muss auch der 15jährige Charly, ein Computergenie, erfahren: Vor drei Jahren fand er eine Kiste mit den Tagebüchern des Schriftstellers Michael Klondeik. Die Geschichten und Bilder darin faszinierten ihn so sehr, dass er, anstatt zur Schule zu gehen, ein Computerspiel programmierte. In diesem Spiel muss er, zusammen mit Galahad, dem Sohn von Genevra und Lancelot, und mit Sally Wild Blanche, der letzten der drei Wilden Frauen des Feuers, die Welt der Menschen vor Merlins Rache verteidigen.
Doch als Charly das letzte Level besteht, vereinigen sich beide Welten: Galahad, der uralte Tafelmann, steht plötzlich bei ihm in Berlin und gemeinsam mit Kurz Null Null Zero und Ko-Kahla-Bold, dem Schlawinermädchen, brechen sie auf, um diejenige zu finden, die unsere Welt retten kann: Fli-Fla, die Tochter von Michael Klondeik …

Meinung

Mit gerade mal 15 Jahren hat Charly es schon fertig gebracht, ein ganzes Computerspiel zu programmieren. Nachdem er die Tagebücher von Michael Klondeik im Fluss gefunden und darin vom Land im Westen und Wildernacht erfahren hat, ist er völlig besessen von der Geschichte. Er schwänzt über Jahre die Schule, um das Spiel zu programmieren und jeden Level immer und immer wieder durchzuspielen, bis er perfekt ist. Nun ist der Junge im finalen Level angekommen, der letzte Kampf um das Land im Westen steht an – da muss Charly feststellen, dass das Spiel realer ist, als er dachte. Spielfiguren stehen plötzlich in seiner kleinen Hütte und drohen ihm, Waffen schießen ihm aus der Leinwand entgegen. Denn es ist Charlys Aufgabe, Galahad und seine Mitkämpfer in seine Welt zu holen, um die Menschheit zu retten.

„Wildernacht“ basiert auf den Kladden von Michael Klondeik, die im selben Verlag veröffentlicht wurden und immernoch werden. Die Tatsache, dass mitten in der Veröffentlichung ein Buch erscheint, das Bezug auf alle diese Tagebücher inklusive Inhalt nimmt, ist wohl eher ungünstig gewählt. Von sechs Tagebüchern erschienen bis zum Veröffentlichungszeitpunkt nämlich nur zwei und somit war vieles in der Geschichte noch völlig in der Schwebe. „Wildernacht“ verrät dem Leser alles – wie die Liebesbeziehungen enden, wer stirbt und wer überlebt und welche Höhepunkte die Tagebücher noch bereithalten. Andererseits hat es auch einen praktischen Aspekt. Da die Tagebücher aus Klondeiks Sicht geschrieben sind, der in der Welt von Wildernacht und dem Land im Westen lebt, verwendet er auch nur deren Bezeichnungen wie Kurze anstatt Zwerge. In „Wildernacht“ werden diese Bezeichnungen von Charly aufgeklärt, der seine bekannten Wörter für das verwendet, was er sieht.

Die Geschichte an sich und die Handlung des Buches werden wohl mehr Jungen anziehen als Mädchen, was bei den Kladden noch nicht der Fall war. „Wildernacht“ ist in mehrere Teile unterteilt, die jeweils um die 100 Seiten umfassen. Dabei konzentriert sich der ganze erste Abschnitt zum Beispiel nur darauf, wie Charly den letzten Level seines selbstprogrammierten Spieles spielt. In mehr oder weniger kurzen Abschnitten wechselt die Sicht zwischen dem Jungen an seiner Konsole und den Figuren in Spiel. Jeder Spielzug wird beschrieben, vom Figurenwechsel bis zur Waffenwahl. Dadurch zieht sich die Geschichte in die Länge.

Auch ist die Sprachwahl der Protagonisten oft sehr hart gewählt. Vor allem die Mordorbiests – eine Gruppe Berliner Jugendlicher, die sich auf der Straße herumtreiben und sich nach Bösewichten aus Herr der Ringe benannt haben – fluchen, was ihr Wortschatz hergibt. Sie stehen für die Verwahrlosung der Welt und die Bedeutungslosigkeit von Liebe, die dazu geführt haben, dass sowohl das Land im Westen als auch die Welt der Menschen am Abgrund stehen. Sie fluchen, sie stehlen und sie zerstören ihren Körper. Insgesamt wird Berlin als einziger Moloch dargestellt.

Dabei gibt es aber auch wirklich interessante Charaktere in „Wildernacht“. Zum einen ist da der Jamberman, der ein Handyspiel erfunden hat, nach dem alle Jugendlichen süchtig sind. In diesem Spiel räumt die gleichnamige Figur eines rastalockigen Clowns auf grausame Art die Stadt auf, indem er Gewalttäter und ähnliche Figuren das erleben lässt, was sie gerade noch anderen antun wollten. Doch Jamberman ist nur ein Alias und hinter der Maske steckt jemand, der allen Grund hat, Charly aufzuhalten. Dazu holt er auch Klondeik ins Boot, der um das Leben seiner Tochter Fli-Fla zu schützen vom Retter des Landes im Westen zum Feind wird. Irgendwann weiß selbst der Leser nicht mehr, welche Partei nun die ist, die wirklich die Welt retten würde, falls sie gewinnt.

Fazit

„Wildernacht“ von Joachim Masannek wäre ein wunderbarer Abschluss einer Serie gewesen, der viele offene Fragen geklärt hätte, die die im selben Verlag erscheinenden Kladden offen gelassen hätten. Nur wurde das Buch veröffentlicht, bevor alle Kladden herausgegeben wurden und greift so viel zu stark vor. Dabei hätte hier vor allem Potential für ein Fantasybuch bestanden, das vor allem junge männliche Leser angesprochen hätte, die mit langatmigen Kampfszenen wohl weniger Probleme haben als weibliche Leser.

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