|Interview| Judith End

Judith End ist die Autorin von „Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“, in dem sie von ihrem Kampf gegen den Krebs erzählt. Mit 25, kurz vor dem erfolgreichen Examen, bekommt die junge Mutter die Diagnose Brustkrebs.

Judith End war so lieb und hat mir ein paar Fragen beantwortet, dankeschön. (:

Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass jetzt jeder, der möchte, ihre Geschichte lesen kann? Auch die Personen, die darin vorkommen?

Menschen, die mich nicht kennen, lesen im Grunde einfach eine Geschichte, etwas gefühlt fiktives, wenn man so will. Daher fühlt es sich nicht seltsam an. Das Gefühl sehr viel preisgegeben zu haben, stellt sich eigentlich nur ein, wenn Bekannte und Freunde das Buch lesen. Ich habe mich ja aber bewusst dafür entschieden, das Buch so zu schreiben wie es ist, also authentisch und ohne Zensur und Eitelkeiten. Ich glaube schon, dass mich einige Menschen noch besser kennen lernen durch das, was ich aufgeschrieben habe. Aber ich schäme mich ja nicht für das, was ich erzähle, daher finde ich es völlig in Ordnung.

Lesen sie die Rezensionen zu ihrem Buch?

Nicht alle. Und ich merke auch, dass mich eine nicht so gute Rezension schon auch treffen kann. Nicht weil ich keine Kritik vertrage, sondern weil es bei einem so persönlichen Thema schnell auch persönliche Kritik wird. Es gibt aber vor allem sehr berührende, schöne Rezensionen und persönliche gute Wünsche von Lesern, über die ich mich sehr freue.

Man sagt immer, dass eine positive Einstellung hilft, wieder gesund zu werden. Wie denken sie darüber?

Ich bin auch überzeugt, dass ein stabiles und lebensfrohes Umfeld und Inneres zur Genesung beitragen kann. Körper und Seele bilden ein Ganzes, das merkt man ja schon, wenn einem z.B. etwas auf den Magen schlägt, und auch bei ernsten Krankheiten glaube ich an die Kraft von positiven Gefühlen. Ich habe aber große Probleme mit der These, dass man nur positiv genug denken muss, und alles wird wieder gut. Ich habe Frauen gekannt, die alles dafür getan haben, leben zu dürfen, und nie ihren Mut und Optimismus verloren haben und am Ende sind sie trotzdem gestorben. Krebs ist eine unberechenbare und oft unkontrollierbare Krankheit, die sich eben nicht weglächeln lässt. Sicher ist positives Denken hilfreich und gut, aber nicht jeder, der positiv denkt, überlebt auch. Für diese Einstellung habe ich die Realität zu schmerzhaft erlebt.

Können sie sich vorstellen, wie es nach der Diagnose weitergegangen wäre, hätten sie ihre Tochter nicht gehabt?

Das kann ich mir nicht gut vorstellen, weil ich mir sowieso nicht mehr vorstellen kann, wie ein Leben ohne sie wäre. Ich bin aber absolut sicher, dass ich spätestens dann bereut hätte, wenn ich das Kind, das ja nicht geplant war, damals nicht bekommen hätte. Sie war definitiv mein Lebensanker, aber nicht der einzige. Wäre sie nicht dagewesen, hätte ich trotzdem um jeden Preis gesund werden wollen. Aber sie war ja zum Glück da.

Würden sie im Nachhinein manche Entscheidung anders treffen? Mit ihrer Tochter mehr oder weniger über ihre Krankheit sprechen, o.Ä.?

Nicht konkret. Ich könnte jetzt natürlich sagen, ich wäre gerne gelassener, fairer, geduldiger oder sonst etwas gewesen. Aber das ist Quatsch, denn ich weiß, ich habe es so gut gemacht, wie ich eben konnte. Und ich würde auch heute wieder den offenen Umgang und die Kommunikation über die Krankheit und die damit verbundenen Gefühle mit meiner Tochter suchen. Ich finde es ganz wichtig, dass man mit seinen Kindern spricht, denn Kinder merken sowieso alles und haben auch ein Recht auf Wahrheit, denn es ist auch ihre Geschichte und sie sind genauso betroffen wie ihre Eltern.

Ihr Leben vor der Diagnose scheint immer fest in ihrer Hand gelegen zu haben und sie haben viel aus eigener Kraft und ohne großartige Hilfe geschafft. Wie war es für sie, ein wenig von ihrem Leben in andere Hände geben zu müssen?

Schwer. Um Hilfe zu bitten, Nein zu sagen, nicht wie sonst immer für alle anderen parat zu stehen, musste ich mühsam lernen. Und auch sich vertrauensvoll in die Hände der Ärzte zu begeben, ist nicht ganz einfach. Aber zum Glück wurde ich sehr sehr gut betreut und konnte mich dann auch in die Gewissheit fallen lassen, dass diese Menschen alles tun, was in ihrer Macht steht, damit ich wieder gesund werde. Heute profitiere ich davon, dass ich gezwungen war, Dinge abzugeben und Nein zu sagen. Ich kann es jetzt sehr viel besser.

Wie viel Platz nimmt der Gedanke an ihre Krankheit mittlerweile in ihrem Leben ein? Wird man sich sicherer, gesund zu bleiben, oder ist die Angst immer gleich groß?

Ich denke nicht mehr ständig an die Krankheit und habe auch nicht ständig Angst, dass sie wieder ausbricht. Aber die Bedrohung ist natürlich noch da und aussöhnen kann man sich mit diesem Gedanken auch nicht. Man kann aber lernen, damit umzugehen. Und je besser einem das gelingt, umso weniger groß ist die Angst im Alltag und man lernt damit zu leben. Manchmal kommt auch bei mir die Angst noch recht heftig zum Ausbruch. Dann versuche ich ihr Raum zu geben, damit ich sie dann wieder wegpacken kann und sie mich im Alltag nicht ständig verfolgt. Das funktioniert ganz gut. Ich bin auch heute nicht sicher, ob ich gesund bleibe. Sicherheit gibt es eben nicht mehr. Aber wer hat schon einen Garantieschein auf morgen?

 

Ich wünsche Judith End weiterhin alles Gute und bedanke mich noch einmal für das Interview.

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5 Gedanken zu “|Interview| Judith End

  1. Eva Maria Bartsch schreibt:

    Ich habe das Buch gerade in 2 Tagen ausgelesen und bin tief beeindruckt. Es ist eine ganz klare ehrliche Sprache, ohne Schnörkel. Ich habe selbst 2 kinder in Paulas Alter und mag mir gar nicht vorstellen, in welch seelische Nöte man kommt, setzt man sich mit dem drohenden Tod und dem Abschied von den Kindern auseinander. Ein tolles, sehr aufrüttelndes Buch. Alles Gute für Frau End, Gruß Eva

  2. Baumann schreibt:

    Der Versuch
    einer Kritik
    zum Buch
    „Sterben kommt nicht in Frage, Mama“
    von Judith End,
    Droemer Verlag 2010

    Warum nur ein Kritikversuch?

    Ich habe das Buch gestern in einem Rutsch von ca. 16:00 bis 21:00 gelesen. Das Buch mit 296 Seiten ist relativ einfach zu lesen, denn es ist eine Art Tagebuch über eine Art von Inn(an)ensichten einer Krebskran-ken mit Blick nach draußen zu den ihr umgebenden Menschen.

    Das Buch ist flott geschrieben wohl auch mit Ziel, nicht „rührselig“ zu sein, wie die Autorin das so selbst be-nennt. Und doch, an einigen Stellen hat das Buch, hat mich die Autorin berührt. Und dennoch musste ich mich fragen, inwieweit ist die Autorin mit sich, mit ihrer Tochter, mit den Eltern, der „kleinen Schwester“ und ihren Freunden(innen) wahrhaftig umgegangen.

    Dieser Frage Text für Text nachzugehen, meine Fragwürdigkeiten genauer zu definieren, ist mir ein wenig zu viel. Ich will eine sehr radikale Vereinfachung versuchen, als Kritik an dem Buch/an die Autorin:

    Man schaue sich nur die Äußerlichkeit des Buches an, also die Werbe-/die Verkaufsseite, das werbende Ima-ge dieses Buches: Ein Foto, ein Portrait der Autorin vor grauem Hintergrund ist zu sehen. Ein blonde Frau mit halblangem gescheitelten Haar, was hinter dem rechten Ohr ein wenig hinter dieses gelegt ist. Das Ohr ist in Gänze gut zu sehen.
    Gekleidet ist die Frau mit einem weit ausgeschnittenen Oberteil in dunkel Kirschenrot, was in einem leuch-tendem Kontrast zum weißen Gesicht und dem dezent geschminkten Mund steht. Die blauen Augen der Frau sind eindringlich den Betrachter gerichtet. Von rechts, ins Buch eingeschnitten eine Seitenansicht, im Schat-ten des leuchtenden Mutterkopfes gehalten, ein Kindergesicht, wohl ein Mädchen, vielleicht die eigene Toch-ter, Paula.
    Zwischen Mutter und Tochter, ein hoch gehobener Arm, die Hand zu einer Art Trichter geformt mit gespreiz-tem Daumen. Diese Hand soll andeuten, dass die Tochter der Mutter was ins Ohr flüstert.

    Warum muss die Tochter der Mutter was mit vorgehaltener Hand ins Ohr flüstern?
    Flüstert die Tochter wirklich?

    Schaut man genauer hin, dann flüstert die Tochter dem Hals etwas zu, denn das Ohr darüber liegt frei. Eigentlich wäre das Ohr der Punkt/ der Ort, wo der Mund des Kindes zugeneigt etwas hinein flüstern würde.
    Also ein schlecht gestelltes Foto?
    Vielleicht ein im Nachhinein montiertes Foto, schlecht montiert?

    Für mich sieht alles so gestellt, vielleicht sogar übertrieben gestelzt aus.

    Die Botschaft des Buches soll auf der Titelseite sofort ins Auge fallen, denn nicht umsonst steht über diesem Foto der Titel „Sterben kommt nicht in Frage, Mama“. Das klingt fast wie aus einem Kindermund, der Kinder-mund einer vier bis achtjähringen Tochter?

    Würde ein Kind im Angesicht des in dem Buch beschriebenen Krebsleidens der Frau, zu der Mutter jemals so formuliert gesagt haben können?

    Das Mama in dem Buchtitel zum Schluss, soll bekräftigen, dass hier ein Kind um den Tod der Mutter auf seine Weise mit ringt.

    Dramatisiert, vielleicht nicht ganz unbeabsichtigt über allem, in roter Schrift Judith End.
    End in rot als Assoziation auf Ende in rot, vor schillerndem grau-weiß Schatten?

    Die Titelseite, ein Aufmacher, der den potentiell Interessierten motivieren/verführen soll zuzugreifen: Warum nicht?

    Ich habe mich doch gefragt:
    Ist es eine Autobiographie?
    Wie viel ist phantasievoll hineingewoben worden, weil so die „Geschichte“ literarisch lesbarer werden sollte/konnte?
    Ist es also mehr eine Geschichte vor dem Hintergrund einer Wahrheit, die aber literarisiert worden ist von einer diesbezüglich Literatur-Studierten mit Einser-Examen?

    Ich, als Vater einer Brustkrebs-kranken Tochter, die mit 33 Jahren im Januar 2010 Mutter geworden ist; der man vier Monate später im Mai die rechte Brust ausgehöhlt hat, die ebenso alle 14Tage harte Verabreichung der Chemo hat hinnehmen und „verdauen“ müssen, ja sogar gleichermaßen der Strahlentherapie ausgesetzt worden war, dem hat das Buch zusätzlich geholfen, so meine Meinung, etwas mehr, vielleicht auch tiefer in die Gefühlswelt meiner Tochter nachträglich hineinzufinden, um zu versuchen über den dargebotenen Lesestoff noch mehr zu verstehen.

    Im Gegensatz zu der Autorin und ihrer Familie haben wir, also unsere Familie vor ca. zwei Jahren mit Freun-den zusammen in eigens dafür inszenierten Salongesprächen, die wir bescheiden „Salönchen“ nannten, über den Tod, das Sterben, über Demenz und Alzheimer, uns also über Tabuthemen intensiv unterhalten, manch-mal dabei geweint und voneinander viel gelernt. Oberflächlich ging es darum, was ist eine Patientenverfü-gung, was soll damit erreicht werden, was ist wie zu tun, um z.B. dem Schicksal von Walter Jens und seiner Familie gezielt begegnen zu können…oder wie viel Schicksal ist wie hoffentlich „aushaltbar“ auszuhalten, wenn die Familie und Freunde vorbereitet einem beiseite stehen können, weil man sich nicht nur bespro-chen, sondern im Vertrauen miteinander sich vorbereitet hat – so weit das letztendlich möglich ist?
    Nicht alle Fragen sind bisher gestellt.
    Antworten hat mehr oder weniger für sich selbst finden müssen.
    Einige Patientenverfügungen mit entsprechenden Vollmachten wurden geschrieben, ja miteinander verein-bart.

    In diesem Zusammenhang komme ich zu meinem Kritikversuch zurück, wo die Autorin, in der Ichform erzäh-lend, nicht nur ihre Familie, sondern auch die Tochter besonders, ins Abseits bringt, weil sie sich so sehr wichtig nimmt, es wenig bis gar nicht schafft, Brücken zu den Ihren wirklich zu bauen (ein Scheitern an den eigenen Ansprüchen – also auch an sich selbst?…)?

    In der Danksagung zum Schluß (auf Seite 298) fehlt Paula, die Tochter, die doch laut Titel um das Leben der Mutter mit ringt: „Sterben kommt nicht in Frage, Mama“.
    Warum wurde die Tochter in die Danksagung nicht mit aufgenommen?
    Nur vergessen?

    Vielleicht wurde Paula nicht mit hineingenommen, weil die Tochter einerseits der Lebensinhalt war, am Krebsüberleben festhalten zu müssen, was aber unsäglich Kräfte gekostet hat (nicht nur in den Nächten aus Angst einnässend)? Andererseits war die Tochter neben der abgeschnittenen Brust das Handicap für ein Leben in Beziehung mit einem Mann an ihrer Seite (die in der Danksagung keinen Platz eingeräumt werden konnte als unausgesprochene Haßliebe?) ?

    Mein kurzes Fazit:
    Ein lesenswertes Buch für den/die kritische LeserIn: sicherlich!

    Paul Baumann

  3. Engel,Gabi schreibt:

    Ich habe am 1.Weihnachtsfeiertag angefangen,das Buch über den Kampf von Judith End gegen den Krebs zu lesen.
    Ich selbst habe mit 28 meinen Vater im Kampf gegen den Krebs verloren und bin jetzt – wo ich 50 bin- auf dem Weg, mit krebskranken Kindern zu arbeiten, d.h.das ist wohl die falsche Bezeichnung- ich will nicht mit ihnen arbeiten, sondern ich will versuchen ihnen im Kampf gegen diese Krankheit zur Seite zu stehen.
    Das Buch von Judith Kemp hat mir Welt eines krebskranken Menschen noch etwas mehr erschlossen und mich in meinem Vorhaben bestärkt.
    Diese betroffenen Kinder brauchen jede Hand, die man ihnen nur reichen kann- den Kampf müssen sie eh alleine durchstehen, man kann ihnen nur zur Seite stehen.
    „DANKE“ für dieses Buch und weiterhin viel Erfolg in Ihrem täglichen Leben mit und gegen den Krebs. Alles Liebe für Sie und nur GUTES!!!
    GABI Engel

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