|Rezension| Alex Rühle „Ohne Netz“

Verlag: Klett-Cotta (Juli 2010)

Seiten: 220

ISBN: 3608946179

Preis: 17,95 €

Inhalt

Früher hat Alex Rühle abends sein Blackberry auf dem Schuhschrank deponiert, damit er vor dem Zubettgehen schnell noch heimlich E-Mails checken konnte. Jetzt bleibt ihm nichts übrig, als live im eigenen Gehirn zu googeln, denn er ist für ein halbes Jahr offline und schreibt darüber ein Buch. Begleiten Sie ihn auf seine Abenteuerreise in die analoge Welt!

Meinung

Habt ihr sie auch, die Freunde, deren Gesichter in eurer Erinnerung verschwimmen, weil ihr seit Monaten nur noch ihren Scheitel seht? Die 24 Stunden 7 Tage die Woche online sind? Die in einträchtigen Grüppchen auf Partys zusammensitzen, aber nicht um miteinander zu reden, sondern um gemeinsam in ihr iPhone zu starren? Oder fühlt ihr euch jetzt ein bisschen ertappt? Das Internet ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken – doch was passiert, wenn man sich bewusst dagegen entscheidet? Alex Rühle, Redakteur des Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (und ja, das habe ich gegoogelt), gab das Internet für 6 Monate auf, und schrieb darüber Tagebuch. Doch funktioniert das, von hundert auf null von jetzt auf hier? Vor allem, wenn sich die Kommunikation über das Internet auch im Beruf durchgesetzt hat?

Alex Rühle hat es geschafft – mit viel Mühe und Nerven. Briefe und Postkarten schreiben, Briefmarken kaufen, auf die Suche nach einem Postkasten gehen – kein Vergleich zu einer in Windeseile geschriebenen Mail. Telefonnummern in Telefonbüchern suchen, sich durch Lexika wühlen, sich in Bibliotheken verlaufen und sich mit deren Mitarbeitern streiten. Das alles hat er 6 Monate lang ausgehalten.

„Ohne Netz“ gibt zu denken. Ganz unbemerkt hat sich das Internet in unser Leben geschlichen und sich unersetzlich gemacht. Wie bequem ist unser Leben geworden. Wie praktisch. Wie global. Und wie schnell. Kein Mensch greift zu einem Lexikon, wenn er alles, was er nicht weiß, bei Google suchen kann. Niemand schreibt mehr einen Brief, wenn er eigentlich nichts wichtiges zu sagen hat. (Und Kettenbriefe wurden zur Seuche. Erinnert sich noch jemand an die Zeiten in der Schule, als man sie abschrieben musste? Unvorstellbar, dass man das wirklich mal getan hat, war man abergläubisch genug.) Unsere Handys kleben an unseren Händen, unvorstellbar, nicht mehr erreichbar zu sein. Andererseits hätte man doch gerne eine Postkarte oder gar einen Brief im Briefkasten. Würde das Handy mal einen Tag ausschalten, ohne Angst zu haben, die Nichterreichbarkeit hätte negativen Einfluss auf unser Leben. Und hat jmand von euch gewusst, dass es Kurzvisa nach Amerika ausschließlich im Internet gibt?

Am Ende seines Experiments kommt Alex Rühle zu keinem Schluss, genauso wenig wie das ganze Buch über – mal ist das Internet eine wunderbare Erfindung, mal nicht. Und am Ende bleibt nur der goldene Mittelweg, der durchgehalten werden muss. Dabei ist „Ohne Netz“ trotz allem extrem amüsant, Herr Rühle kann ohne Zweifel unterhaltsam schreiben. Und nebenbei lernt man Unmengen an nützlichen und unnützen Sachen und findet hundert neue Bücher, die man auch unbedingt mal lesen möchte. Problematisch könnte es nur werden, wenn man das Buch in zwei oder drei Jahren noch mal aus dem Regel zieht. Wer war noch mal Helene Hegemann? Naja, das kann man dann ja googeln…

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8 Gedanken zu “|Rezension| Alex Rühle „Ohne Netz“

  1. irina schreibt:

    Ich war skeptisch, was das Buch angeht, aber deine Rezension macht durchaus Lust darauf, mal reinzuschauen.

    Eigentlich finde ich den Ansatz, komplett aus dem Internet auszusteigen, zu extrem, denn es ist inzwischen einfach ein ganz normaler Aspekt des Lebens, ohne den es für viele Arbeitnehmer gar nicht mehr geht. Andererseits funktioniert das Buch wohl nur so, denn dass der goldene Mittelweg die ideale Lösung ist, weiß man auch ohne das Buch! ;)

    • umblaettern schreibt:

      Im Prinzip schwankt er immer in seinen Einträgen. Mal erzählt er, dass es ohnegar nicht geht und wie toll es ist, mal hat er Tage, da schimpft er, dass nichts mehr ohne geht (zum Beispiel eben, als er ein Kurzvisum möchte und es das wirklich nur noch online gibt, ohne Ausnahme.)Und über beide Extreme ist er dann nen Tag später wieder entsetzt. Ich weiß nicht, ob es mir nich so bewusst war, ich habe weder ein Blackberry noch iPhone, noch nen Job, in dem es nicht ohne Handy geht (im Gegenteil ist es die meiste Zeit ja zumindest lautlos), aber wie weit das Internet schon selbstverständlich ist in unserem Leben, ist schon fast ein bisschen erschreckend.

  2. irina schreibt:

    Mein Beruf ist zum Teil nicht mehr machbar ohne Internet (Bildreaktion), zum Teil wäre er ohne Internet wahnsinnig aufwendig (aber sehr wohl machbar; man müsste dann halt regelmäßig eine Bibliothek besuchen). Und um ehrlich zu sein, was die Lektoratsarbeit angeht, ist das Internet oft eher Fluch als Segen, denn man begegnet bei der Recherche ständig den Quellen, bei denen sich die Autoren bedient haben. Früher war das weniger leicht nachvollziehbar … *g*

    Ehrlich gesagt find ich es gar nicht erschreckend, dass das Internet so selbstverständlich geworden ist, das ist halt der Lauf der Zeit. Ich mein, wir haben ja auch Telefone, Autos und Fernseher … ;) Wie schon gesagt, im richtigen Maß genossen ist das Internet eine echte Bereicherung, finde ich. Gleiches gilt auch für Handys, wobei ich nicht zu den Leuten gehöre, die permanent erreichbar sein wollen/müssen. Meist ist das Ding eh in den tiefen irgendeiner Tasche vergraben und ich hör das Klingeln nicht mal. ;)

    • umblaettern schreibt:

      Ja, ich bin da ehrlich gesagt auch net so, ich vergess das immer irgendwo, daheim, bei meinem Freund und dann werd ich immer geschimpft. Aber ich kuck da einfach nie zwanghaft nach, ob das jetzt da ist… Nur, wenn ich lange Strecken fahre oder länger eg sind, schau ich nach, ob es da ist, damit ich im Notfall telefonieren kann oder erreichbar bin für meine Chefin oder Schüler.

  3. Miss Bookiverse schreibt:

    Das ist ja ganz schön interessant. Ich finde das manchmal auch ganz schön erschreckend/beeindruckend wie abhängig man vom Internet ist oder auch, dass so was wie ein Facebook Login inzwischen fast vorausgesetzt wird.
    Momentan merke ich ganz gut wie das ohne Internet ist, weil ich schon seit Wochen keins Zuhause habe, meistens gar nicht so schlimm, aber nur weil ich es tagsüber woanders nutzen kann ;)

    • umblaettern schreibt:

      Ich weiger mich ja immernoch, mich bei Facebook anzumelden, deswegen nervt mich das, wenn Werbesachen, die ich eigentlich gern mal anschauen würde, nur darüber laufen. Ich mag den AGBs da einfach nicht zustimmen…

    • umblaettern schreibt:

      Ich weiger mich ja immernoch, mich bei Facebook anzumelden, deswegen nervt mich das, wenn Werbesachen, die ich eigentlich gern mal anschauen würde, nur darüber laufen. Ich mag den AGB da einfach nicht zustimmen…

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