|Rezension| Lauren Oliver „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“

OT: Before I fall

Lauren Oliver @ LaurenOliverBooks.com

Silberfisch (September 2010)

7h 26 min gekürzte Lesung, 24,95 € oder bei Audible.de

Inhalt

Was wäre, wenn heute dein letzter Tag wäre? Was würdest du tun? Wen würdest du küssen? Und wie weit würdest du gehen, um dein Leben zu retten?
Samantha Kingston ist hübsch, beliebt, hat drei enge Freundinnen und den perfekten Freund. Der 12. Februar sollte eigentlich ein Tag werden wie jeder andere in ihrem Leben: mit ihren Freundinnen zur Schule fahren, die sechste Stunde schwänzen, zu Kents Party gehen. Stattdessen ist es ihr letzter Tag. Sie stirbt nach der Party bei einem Autounfall. Und wacht am Morgen desselben Tages wieder auf. Siebenmal ist sie gezwungen, diesen Tag wieder und wieder zu durchleben. Und begreift allmählich, dass es nicht darum geht, ihr Leben zu retten. Zumindest nicht so, wie sie dachte …

Meinung

„I shiver, thinking how easy it is to be totally wrong about people-to see one tiny part of them and confuse it for the whole, to see the cause and think it’s the effect or vice versa“

„Wenn du stirbst…“ ist eines dieser Hörbücher, von denen ich restlos begeistert bin. Die Sprecherin war perfekt, die Geschichte wunderbar hollygeeignet und am Ende saß ich extra noch mal 10 Minuten im Auto vor der Haustür, weil ich unbedingt das Ende hören wollte. Man lockt mich ja sowieso schnell mit diesen Geschichten, in denen ein Protagonist stirbt. Ich bin da eben die totale Dramaqueen und heule gerne bei Büchern. Bei diesem Buch habe ich kein Mal geweint und trotzdem fand ich es wahnsinnig toll.

Dabei ist Sam keiner dieser Charaktere, die so perfekt sind, dass man nicht anders kann, als sie zu mögen. Im Gegenteil, Sam ist manchmal durchaus boshaft, selbstgerecht und mit ihren Freundinnen im Rücken hackt sie auch gerne auf den unbeliebteren Mädchen ihrer Schule herum. Es wäre so einfach, Sam zu verurteilen – dazu tendiert man schnell, wenn man ansonsten nur die perfekten, erwachsen wirkenden Protagonisten anderer Jugendbücher vor sich hat. Doch auch wenn man gerne auf sich selbst sieht und sich denkt: Ich war nie so, ich habe mich immer korrekt verhalten – Als Teenager denkt man manchmal eben doch nicht weiter als über den eigenen Horizont, man selbst war oft schrecklich albern, hat Sachen gesagt, bei denen sich uns heutzutage die Fußnägel aufrollen würden und nett – ach, nett waren wir sicher auch nicht zu jedem. Auch Sam selbst wird erst bewusst, wie sehr ihr Verhalten mit dem Leben anderer Menschen zusammenhängt, als sie schon tot ist. Nicht selten wird sie dabei sauer auf sich selbst oder auf ihre Freundinnen, vor allem als sie lernen muss, dass man an einem Tag nicht gut machen kann, was man durch stete kleine Gemeinheiten auf Dauer kaputt gemacht hat. Je öfter Sam den Tag ihres Todes wiederholt, je klarer ihr wird, dass ihr Verhalten sogar tiefer in die Emotionen ihres Umfelds greift als sie je hätte ahnen können, desto wütender wird sie über ihre Freundinnen, die so weitermachen wie bisher. Immer öfter wird Sam ausfallend gegen ihre beste Freundin Lindsey. Und wieder wäre es einfach, Lindseys Verhalten zu verurteilen, sie als das pure Böse hinzustellen. Doch auch hier bleiben die Charaktere nicht eindimensional – denn auch hinter den Bösartigkeiten mancher Leute stecken manchmal Probleme, die sie einfach vertuschen möchten. Dabei wird Lindseys Verhalten nie entschuldigt, doch sie bleibt keine Stereotype. Auch sie hat – wie Sam – ihre guten Seiten, ist eine loyale Freundin innerhalb ihrer Möglichkeiten.

Sams Tag wiederholt sich immer und immer wieder – sie stirbt oder schläft einfach ein und schon ist es wieder der 12. Februar, ihr Wecker klingelt und alles geht von vorne los. Trotzdem fand ich es nie langweilig, denn Sam macht aus jedem Tag etwas neues. Nachdem sie verstanden hat, dass sie wirklich tot und dazu verdammt ist, ihren Todestag immer aufs Neue zu durchleben, testet sie aus, was sie sich selbst aus der Zeitschleife holen könnte. Mal versucht sie, den ganzen Tag nur Gutes zu tun, was am Ende doch nur in die Hose geht. Mal ist sie so frustriert, dass sie jedes Tabu bricht und keine Grenzen mehr kennt. So ganz deutlich wurde für mich aber nicht, wieso ihr letzter wiederholter Tag dann auch der letzte war. So viel anders als vorher hat sie auch nicht gehandelt und jede Erkenntnis hatte sie so oder so ähnlich auch an den Tagen zuvor. Andererseits wäre es für mich persönlich sehr unbefriedigend gewesen, wenn das Buch mit einem Klischee geendet hätte, wo es doch davor so bemüht war, keine stereotypen Charaktere aufkommen zu lassen.

Anna Thalbach hat sich schlagartig neben Andrea Sawatzki zu meiner Lieblingshörbuchsprecherin katapultiert. Schon lange war keine Figur in meinem Kopf mehr so lebendig wie hier. Ich kannte die Sprecherin zwar schon aus dem Rabenmondhörbuch, doch bei „Wenn du stirbst“ hat sie ihr ganzes Können ausgepackt. Ihre Stimme passte perfekt zu Sam, in jeder Situation: Albern, verzweifelt, den Tränen nahe, wütend – alles klang völlig überzeugend. Außerdem schafft sie es, durch Tempowechsel Passagen zu verkürzen, die sich wiederholen, oder Ereignisse zu betonen, die sich gerade überschlagen.

„Maybe you can afford to wait. Maybe for you there’s a tomorrow. Maybe for you there’s one thousand tomorrows, or three thousand, or ten, so much time you can bathe in it, roll around in it, let it slide like coins through your fingers. So much time you can waste it.
But for some of us there’s only today. And the truth is, you never really know.“

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5 Gedanken zu “|Rezension| Lauren Oliver „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“

  1. Miss Bookiverse schreibt:

    Hach, schön, dass es dir so gut gefallen hat. Before I Fall war auch eins meiner absoluten Highlights letztes Jahr, das englische Hörbuch kann ich da mindestens genauso sehr empfehlen wie du das deutsche, das ist auch so toll gelesen und hat Sam für mich richtig zum Leben erweckt.

    • umblaettern schreibt:

      Dafür finde ich andere wieder ganz schrecklich, die in den Himmel gelobt werden (; Ist alles eben doch Geschmackssache.

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