Rezensionen

|Rezension| Cory Doctorow „Little Brother“

OT: Little Brother

Cory Doctorow @ Craphound.com

Argon Verlag (12. Mai 2010)

7h 30 min gekürzte Lesung, 19,95 €

978-3-8398-4003-0

Inhalt

Marcus, alias «w1n5t0n», ist 17, smart und ein begeisterter Gamer. Als Terroristen die Oakland Bay Bridge in San Francisco in die Luft sprengen, befinden er und seine Freunde sich zur falschen Zeit am falschen Ort. Agenten der Sicherheitsbehörde halten sie für verdächtig und verschleppen sie auf eine geheime Insel, wo sie tagelang verhört, schikaniert und gedemütigt werden. Als Marcus freikommt, hat sich San Francisco in einen Überwachungsstaat verwandelt. Jeder Bürger – ein potentieller Terrorist; Menschenrechte – zweitrangig; Freiheit – ein «Sicherheitsrisiko».
Marcus und seine Freunde können nicht akzeptieren, was geschehen ist – und beschließen, sich zu wehren. Mit Hilfe subversiver neuer Medien organisieren sie sich zu einer «Gamer-Guerilla». Ihr Plan: Sabotage der staatlichen Überwachung. Ihre Waffen: die Zukunftstechnologien. Ihr Ziel: der Sturz der Regierung.

Meinung

Marcus Yallow ist eigentlich ein ganz normaler Schüler, der sich gut mit Technik auskennt und den einen oder anderen Hack vorzeigen kann. Als er eines Tages gemeinsam mit seinen Freunden die Schule schwänzt, wird er Zeuge eines Terroranschlags auf die Oakland Bridge in seiner Heimatstadt San Francisco. Als Terrorverdächtige werden er und seine Freund festgenommen und zur Befragung eingesperrt. Vor allem Marcus gerät durch seine rebellische Art in den Fokus des DHS. Als er nach mehreren Tagen wieder zu seiner Familie zurückkehren darf, ist alles anders: Seine ehemaligen Hippie-Eltern finden es okay, wenn jeder sein Privatleben offen legen soll, jeder Bürger wird überwacht und unliebsame kritische Lehrkräfte werden einfach ausgetauscht. Das DHS hat die Stadt völlig unter der Kontrolle. Doch nicht mit Marcus – er startet mehr oder weniger geplant eine Revolution der Jugendlichen.

„Little Brother“ beschäftigt sich mit einem Thema, das polarisiert, seit die Terroranschläge auf die Twintowers in New York verübt wurden. Die Angst vor weiteren Anschlägen und die Suche nach den Drahtziehern ließ die Bevölkerung viel akzeptieren oder ignorieren, das erst später in der Politik wieder revidiert wurde: Überwachung, Eindringen in die Privatsphäre, Folterungen. Mit dem erfundenen Anschlag auf die Oakland Bridge stellt Cory Doctorow in seinem Roman eine ähnliche Atmosphäre von Angst und Verfolgungswahn her. Und ebenso eine ähnliche Reaktion. Das DHS übernimmt und vor allem nimmt es sich viel heraus. So werden Marcus und seine Freunde einfach mitgenommen und tagelang weggesperrt, ohne dass ihre Familien informiert werden. Schlimmer noch: Nicht einmal, als sie wieder gehen dürfen, ist es ihnen erlaubt, über das Erlebte zu sprechen.

Während seine Freunde völlig verschüchtert kuschen und alles über sich ergehen lassen – Videoüberwachungen, Kontrollen auf der Straße, selbst die Überwachung ihrer Computer, wächst in Marcus der Rebellengeist. Durch das Eingesperrtsein und den Zwang, seine Privatsphäre offenlegen zu müssen, hat er erst recht die Freiheit zu schätzen gelernt. Der technikversierte Jugendliche richtet ein Netzwerk ein, über das man das Internet nutzen kann, ohne zurückverfolgt zu werden. Doch das ist nur der Beginn – Marcus wird von der Schule suspendiert, weil er sich mit Lehrern anlegt, manipuliert die Straßenüberwachungen und gründet ein Netz des Vertrauens. Plötzlich sieht er sich als Anführer einer Revolution von Jugendlichen gegen die Erwachsenen, die das Tun des DHS größtenteils noch unterstützen. Dabei gefällt er sich in der Rolle gar nicht so besonders, denn die Angst vor einer neuen Verhaftung sitzt ihm im Nacken.

„Little Brother“ bringt zum Nachdenken. Wie würde man selbst handeln, würde die eigene Stadt Ziel eines Anschlages? Würde man die Überwachungen akzeptiere, damit die Drahtzieher gefasst werden? Würde man über Folterungen hinwegsehen, die angeblich der Wahrheitsfindung dienen? Ab welchem Punkt wäre einem Marcus Verhalten zu viel und inwieweit würde man ihn unterstützen? Das Buch ist wirklich keine leichte Kost, was es aber umso lesenswerter macht.

Oliver Rohrbeck ist ein Sprecher, der wunderbar zu dem jugendlichen, leicht rotzigen Charakter von Marcus passt. Die Rolle nimmt man ihm sofort ab. Er arbeitet perfekt mit seiner Stimme – ist Marcus verzweifelt, klingt er weinerlich, ist Marcus sauer, kann man förmlich die Zähne knirschen hören.

BTW: „Little Brother“ war mein Unterrichtsbeispiel für mein Didaktikexamen. (; Ich hoffe auf Originalitätspunkte zwischen den ganzen Harry Potters…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s