|Rezension| John M. Cusick „Girl Parts“

Dt. Titel: Girl Parts – Auf Liebe programmiert

Girl Parts #1

John M. Cusick @ JohnMCusick.com

Candlewick (August 2010)

240 Seiten, 12,99 € HC

Klappentext

David and Charlie are opposites. David has a million friends, online and off. Charlie is a soulful outsider, off the grid completely. But neither feels close to anybody. When David’s parents present him with a hot Companion bot designed to encourage healthy bonds and treat his “dissociative disorder,” he can’t get enough of luscious redheaded Rose — and he can’t get it soon. Companions come with strict intimacy protocols, and whenever he tries anything, David gets an electric shock. Parted from the boy she was built to love, Rose turns to Charlie, who finds he can open up, knowing Rose isn’t real. With Charlie’s help, the ideal “companion” is about to become her own best friend.

Meinung

„Girl Parts“ ist wider Erwarten kein Buch, das man einfach so in einem Rutsch lesen kann und dann zur Seite legt. In dieser Geschichte steckt soviel unterschwellige Kritik, die man verdauen muss. Kritik an dem überdurchschnittlichen Verbrauch von Technik, an der vorschnellen Verurteilung von Jugendlichen zu psychisch kranken Personen und an emotionaler Abgestumpftheit.

Der Erzähler konzentriert sich auf drei Personen. Zum einen ist da Charlie, der alleine mit seinem Vater zusammen lebt und auf seine Mitschüler etwas seltsam wirkt. Er hat kaum bis gar keine Freunde und verbringt seine Zeit am liebsten alleine im Wald. Seine Versuche, mit Mädchen zu flirten, scheitern an seiner Unfähigkeit, Signale zu erkennen. David, der ebenfalls mit Charlie zur Schule geht, ist das genaue Gegenteil – er kann sich vor Freunden und Frauen kaum retten. Sein Vater ist ein erfolgreicher Computerfirmeninhaber und David strotzt nur so vor Geld. Charlies Vater schafft auf Anraten des neuen Schulpsychologen einen weiblichen Roboter für David an, der angeblich unfähig ist, anständige soziale Kontakte zu knüpfen. Rose sieht aus wie ein normales, sogar sehr hübsches Mädchen und ist darauf programmiert, mit der Zeit eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Außer Rose fand ich jedoch keine Figur wirklich sympathisch und weder zu David noch zu Charlie fand ich irgendeinen Draht. Sicher ist David genauso angelegt – unsympathisch, egoistisch, sexbesessen. Aber auch Charlie blieb irgendwie blass und nichtssagend, ein wandelndes Stereotyp des depressiven und sozial isolierten Jugendlichen.

Die auktoriale Erzählweise hat mich anfangs schwer irritiert. Man ist so gewohnt, nicht alles zu wissen, dass es einen direkt aus der Bahn wirft, wenn man das plötzlich doch tut. Denn der Erzähler präsentiert wirklich all sein Wissen – was jede erwähnte Person denkt, was das mit ihrer Vergangenheit zu tun hat, ja selbst Roses Programme werden angegeben und mit welchen Schlagworten sie Wissen verbindet. Das hindert den Leser auch daran, Rose komplett als fühlende Person zu sehen, weil immer daran erinnert wird, dass Rose darauf programmiert wurde, möglichst menschlich zu wirken. Im Laufe der Geschichte verliert sich die auktoriale Erzählersicht dann aber völlig.

In der Welt von Charlie und David ist der Umgang mit Technik mittlerweile völlig in alle Bereiche vorgedrungen. Schule ähnelt einem Lernprogramm. Jeder Schüler sitzt den ganzen Tag vor seinem PC und arbeitet auf ihn abgestimmte Lernsequenzen ab, nur um danach nach Hause zu gehen und dort weiter vor dem Computer zu sitzen. Schulpsychologen diagnostizieren immer mehr psychische Krankheiten bei den Schülern – von Depression bis zu sozialen Störungen. Genauso schnell werden den Schülern Tabletten verabreicht oder – wie in Davids Fall – auf die mechanischen „Gefährten“ zurückgegriffen, die den Kindern beibringen sollen, wie sich eine gesunde Beziehung entwickelt. Dabei ist David ein völlig normaler Jugendlicher, der einfach den falschen Umgang hat und Eltern, deren einzige Zuwendung aus halbherzigen Ratschlägen, pausenlosen Vorwürfen und dem Zustecken von riesigen Geldsummen besteht. Anstatt zu erkennen, dass das Problem nicht darin liegt, dass die Jugendlichen zuviel vor dem Computer sitzen, schieben die Eltern alles Schuldbewusstsein von sich – sie kommen gar nicht auf die Idee, dass nicht ein Roboter, sondern sie sich um die Entwicklung ihres Kindes kümmern sollten.

Trotz dass ich die Geschichte sehr interessant fand und die Entwicklung von Rose mich gepackt hat, bin ich letztendlich auch unzufrieden mit dem Ende. Ich bin kein Leser, der nicht mit einem fehlenden Happy End leben kann oder mit offenen Fragen. Aber wenn am Schluss eine große Frage im Raum stehen bleibt und die Entwicklung der restlichen Figuren dafür so richtig heitideiti ist, finde ich das unbefriedigend. Was nützt mir große Kritik, wenn ich sie nicht konsequent durchziehe? Vielleicht reißt es Teil 2 wieder raus, zumindest erwarte ich, dass die große Wissenslücke gestopft wird. Aber prinzipiell kann man Girl Parts auch einfach als Einteiler lesen, falls man keine Lust auf die hundertste Reihe hat.

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8 Gedanken zu “|Rezension| John M. Cusick „Girl Parts“

  1. Libby schreibt:

    Klingt doch eigentlich ganz gut das Buch.
    Und wenn es einen Teil 2 gibt, ist es klar, dass am Ende auch Fragen offen bleiben. Sonst liest ja keiner weiter. ;)

  2. Miss Bookiverse schreibt:

    Ich hab das Buch gerade beendet und bin ziemlich beeindruckt. Ich hab diesen Erzählstil auch gar nicht bei so einem YA Buch erwartet, er hat das ganze viel erwachsener wirken lassen. Hat mich irgendwie an The Girl With Glass Feet erinnert.
    Meinst du wirklich es wird noch eine Fortsetzung geben? Mich stört die große offene Frage am Ende zwar auch etwas, aber an sich wirkt das Buch total abgeschlossen auf mich. Konnte bisher keine Infos zu einer Fortsetzung finden. Du?

    • umblaettern schreibt:

      Ich hatte das damals irgendwo aufgegeschnappt in einem Interview mit dem Autor, das ich beim googeln gefunden hatte, als ich die Rezension geschrieben habe. Ich finde das Interview aber irgendwie nicht mehr, hab mir aber beim besten Willen auch nicht gemerkt, wo ich das gefunden hatte. ^^

    • umblaettern schreibt:

      Ich glaube, ich habe ein anderes gelesen, fände eine Fortsetzung aber eigentlich schon interessant. Mich würde interessieren, was mit Rose passiert.

      • Miss Bookiverse schreibt:

        Wenn du ein anderes gelesen hast, wird wohl wirklich was dran sein ;) Ja, was mit der süßen Rose passiert, würde mich auch interessieren, jetzt wo sie ihre Weiblichkeit entdeckt ;D Aber halt schade, dass mal wieder alles fortgesetzt werden muss.

    • umblaettern schreibt:

      Ich finds auch nicht besonders toll, bin da auch von nem Einteiler ausgegangen, sogar als ich fertig war mit Lesen. ^^ Hab meine rezension dann nochmal geändert, als ich das Interview gelesen hatte. Ich finde ja, man hätte einfach die offenen Fragen beantworten können und fertig, ich hätte sogar mit dem Ende leben können wie es jetzt ist ^^

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