|Rezension| Frau Freitag „Chill mal, Frau Freitag“

Frau Freitag @ FrauFreitag.wordpress.com

Ullstein (März 2011)

333 Seiten, 9,99 € TB

Klappentext

»Hitler hat die Mauer gebaut«, glauben Abdul und Ronnie. Esra stylt sich im Disco-Islam: rosa oder türkis mit Glitzer und natürlich Kopftuch. Und Samira, die Klassenqueen, kann sich keine Sekunde von ihrem Handy trennen und hält hyperaktive Siebtklässler in Schach. An Frau Freitags Schule geht es immer voll ab. Ihr Alltag als Lehrerin ist absurd-komische Realsatire – verrückt, anrührend und vor allem sehr lustig. Aber Frau Freitag findet: Ich habe den schönsten Beruf der Welt.

Meinung

Fairerweise muss ich zwei Dinge im Vornherein sagen. Erstens: Ich lese sowohl Frau Freitags Blog als auch den ihrer viel erwähnten Freundin Fräulein Krise schon einige Zeit mit. Deswegen kann es sein, dass meine allgemeine, durchaus positive Meinung von Frau Freitag in diese Bewertung mit hineinspielt. Es ist schwer, das zu trennen, was man im Buch liest, und das, was auf dem Blog steht, v.a. deswegen, weil die Beiträge im Buch eigentlich auch nur aus dem Freitäglichen Blog stammen. Zweitens: Ich bin angehende Lehrerin, zwei Monate vor ihrem Referendariat. Ich habe mich durch mehrere Praktika gekämpft, mal tolle, mal haarsträubende, und schlage mich mittlerweile seit beinahe vier Jahren mit meinen Nachhhilfeschülern herum, deren Lehrern und diversen Eltern jeglicher Sorte von verzweifelt bis unerträglich. Wenn ich Klafki lese, kriege ich Krätze, und Viereckenraten muss ich auch nicht googlen. Ich kann hier nicht neutral sein. Wenn ich könnte, wie ich wollte, wäre ich auch eine Frau Freitag. Leider bin ich nur eine Frau B., oder wahlweise auch Frau P. oder auch Frau XYZ, je nach Merkvolumen der Hirne meiner Schüler… (Ich glaube ja, die sitzen nicht aus Arbeitsverweigerung vor fertigen Aufgaben und warten darauf, bis ich ihre Leistung anerkenne, sondern aus reiner Peinlichkeit, weil sie sich meinen komischen Namen nicht merken und mich damit auch nicht ansprechen können.)

Man muss Frau Freitag ja schon anrechnen, dass sie an einer Schule arbeitet, in der die Umstände ganz anders sind als alles, was wir aus unserer Schulzeit kennen. Frau Freitags Klassen bestehen zum Großteil aus Schülern mit Migrationshintergrund, wie man das gern diplomatisch ausdrückt. Und Hintergrund hin oder her sind sie auch nicht unbedingt die einfachsten. Trotz allem hat sie ihre Schüler gern und das merkt man. Sie weiß viel über den Hintergrund der Kinder und kann zu dem nervigsten Schüler noch etwas nettes sagen. In ihrem Lehrerleben gibt es Ups und Downs. Das ist völlig normal und auch normal ist es, dass man manchmal allen Frust irgendwie loswerden muss. Ich habe das Gefühl, dass so ein „loswerden“ oft missverstanden wird, genau wie die Ironie, die unterschwellig mitschwingt. Vielleicht ist es als Außenstehender wirklich schwer einzuordnen, wie so mancher Eintrag gemeint ist – bierernst zumindest nicht.

Chill mal, Frau Freitag war für mich ein Buch, in dem ich mich ein wenig wiedererkannt habe. Als würde das Studium uns trotzdem ein bisschen zu Prototyp Lehrer machen – immer schön pädagogisch, auch wenn man im normalen Leben nie solchen Schwachsinn von sich geben würde, ein paar Standardphrasen, von denen man sich einbildet, dass man sie nur selbst benutzt, aber prinzipiell kann man sie unisono mit jedem anderen Lehrer aufsagen. Andererseits sehe ich auch, dass ich noch einen langen langen Weg vor mir habe. Für Schüler, Eltern und jeden, der nach seinem Abschluss nie wieder einen Fuß in die Schule setzen wollte und das durchgezogen hat, kann das Buch aber einen Einblick in den Alltag einer Lehrerin liefern – nicht die schnöde Theorie von Menschen, die ebenfalls nach dem Abitur nie wieder eine Schule von innen gesehen haben und auch nicht die Sicht auf die Dinge, die im guten alten Damals noch so einfach schienen, als man selbst Schüler war.

Ich finde Frau Freitags Humor, mit dem sie an ihre Arbeit heran geht, zumindest erfrischend, und so manche Aussage, die sie trifft, würde ich gerne einfach dick unterschreiben. Letztendlich hat jeder seinen eigenen Blickwinkel auf den Beruf Lehrer, der sich mit diesem Buch festigen oder ändern kann – je nachdem, was man daraus machen will.

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2 Gedanken zu “|Rezension| Frau Freitag „Chill mal, Frau Freitag“

  1. Jana schreibt:

    super, dass ich das jetzt hier lese!
    Ich habe auch eine Zeit lang Frau Freitag und Fräulein Krise verfolgt, aber ich schaffe es einfach nicht, die Blogs wirklich zu lesen. Da kommen jeden Tag Beiträge, die oft nicht grade kurz sind. Leider reicht meine Zeit dafür nicht aus…
    Aaaaaaaaber: Also Printausgabe – wie toll! Das wäre doch was für Zugfahrten und Pausen in der Berufsschule. Werd ich also gleich mal auf meine Wunschliste setzen.

  2. Katrin von Saiten schreibt:

    Oh das klingt voll super! Ich glaube das wäre auch was für mich :) Ich kämpfe im Moment auch gegen Dozenten/Windmühlen denen nicht bewusst ist, dass es Grundschülern in der Regel _egal_ ist, ob man selbst Klavier spielt oder eine CD auflegt ;)

    Liebe Grüße!

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