|Rezension| Denis Avey „Der Mann, der ins KZ einbrach“

OT: The man who broke into Auschwitz

Bastei Lübbe (April 2011)

360 Seiten, 19,99 € HC

3431038395

Inhalt

Als Millionen alles getan hätten, um herauszukommen, schlich sich ein englischer Soldat ins KZ Auschwitz ein. Denis Avey wollte mit eigenen Augen sehen, was hinter den Lagermauern geschah. Jahrzehntelang konnte er nicht darüber sprechen. Jetzt, am Abend seines Lebens, erzählt er gemeinsam mit dem BBC-Reporter Rob Broomby seine Geschichte. Eine unglaubliche Überlebensgeschichte voller jugendlicher Waghalsigkeit und echtem Mut. Seine Geschichte ist ein Vermächtnis.

Meinung

Man mag mich kleinlich nennen, aber von einem Buch, das „Der Mann, der ins KZ einbrach“ erwarte ich ja eigentlich, dass es darum geht, dass ein Mann ins KZ einbricht. Auf Seite 78 habe ich mich das erste Mal dabei erwischt, dass ich die Seitenzahl gecheckt habe und mich gefragt habe, wann zum Teufel der Mann denn auch nur in die Nähe von Auschwitz gelangt. Zu diesem Zeitpunkt war es erst 1940 (1943 kommt er ins Konzentrationslager) und der gute Mann führte immergleiche Schlachten gegen die Italiener in Nordafrika. Seite 132 – immerhin schon einmal in Gefangenschaft. Seite 148 – wir sind in Auschwitz angelangt… Mag sein, dass es Menschen anders geht, die nicht bis zum Erbrechen Bücher über den Zweiten Weltkrieg gelesen und Dokumentationen gesehen haben. Für mich waren 80 Prozent dessen, was ich bis dahin gelesen hatte, Informationen und Erzählungen, die ich so oder so ähnlich schon einmal gelesen oder gesehen hatte und damit irgendwo auch verschwendete Zeit. Interessanter fand ich Aveys Lageraufenthalt, den er mit vielen Einzelschicksalen verbindet. Tatsächlich bricht Avey nicht wirklich in das KZ ein – er lebt dort in einem Lagerteil für Kriegsgefangene. Nur zweimal schleicht er sich über Nacht in Auschwitz III ein, wo Juden untergebracht sind.

Mal abgesehen davon war er ja schon immer zu Höherem bestimmt – alles, was er in seinem bisherigen Leben erlebt hat, hat ihn perfekt auf den Krieg vorbereitet, und nur sein unerschütterlicher Gerechtigkeitssinn hat ihm seine Chance vermasselt, Offizier zu werden. Wenn ich etwas ja völlig unangebracht finde, dann ist es Schwanzvergleich im Zusammenhang mit Krieg. Mag ja sein, dass er ein guter Soldat war und einen großen Gerechtigkeitssinn besaß, aber damit anzugeben, wie erfolgreich man im Töten war, finde ich too much. Mal abgesehen davon, dass sich die Beschreibungen widersprechen – da beschreibt er die verstümmelten, kraftlosen Soldaten und zwei Sätze später betitelt er die Kämpfe mit „kräftig Prügel beziehen“. Entweder, man ist betroffen oder eben nicht, aber diese eingeworfenen „Oh, war das grausam“-Sätze wirken im Gesamtzusammenhang der verlustreichen Schlachten völlig unehrlich. Auch das Gefühl legt sich während seiner Beschreibungen des Lagerlebens.

Was die Glaubwürdigkeit angeht – ich bin sicher nicht die erste und einzige, die die Geschichte ein wenig abgefahren findet. Avey kann so viele praktische Dinge „ganz zufällig“ und hat für meinen Geschmack immer etwas zuviel Glück. Dass beim Abzählen zum Beispiel niemand merkt, dass er nicht da war, obwohl er wochenlang vorher nur rumgepöbelt hat, des Öfteren in Strafgefangenschaft saß und weithin als Unruhestifter bekannt war, ist schon überaus praktisch. Zweifel an der Geschichte wurden auch schon bei der FAZ laut.

Alles in allem habe ich nicht das bekommen, was ich erwartet habe. „Geschichte eines britischen Kriegsgefangenen“ hätte das Buch heißen sollen, das wäre wohl treffender gewesen. Ansonsten ist es auch nur eine von vielen Lebensgeschichten. Avey mag irgendwo ein Held gewesen sein und in vielen Punkten hatte er einfach mehr Glück als Verstand. Für jemanden, der noch nicht Unmengen solcher Geschichten kennt, ist „Der Mann, der ins KZ einbrach“ sicher auch spannend, aber für mich waren 2/3 irgendwo verschwendete Zeit und am Ende habe ich zugegebenermaßen einfach nur quergelesen.

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3 Gedanken zu “|Rezension| Denis Avey „Der Mann, der ins KZ einbrach“

  1. Jo schreibt:

    Klingt nicht besonders begeistert. Zu diesen Themen habe ich auch einige Bücher gelesen und ich gaube so langsam ist die Luft raus. Vor kurzem habe ich „Jacob beschliesst zu lieben“ gelesen und habe mich an vielen Stellen mit den Schilderungen von Krieg schwer getan, wobei es hier ein Nebenschauplatz war.
    Vielleicht wurden auch schon genug Bücher über diese Zeit geschrieben und gelesen.

    • umblaettern schreibt:

      Ich finde ja Auswahl ganz super und lese/höre gerne Zeitzeugenberichte, aber ich bin so und so schon nicht für das Thema Kriegsführung zu haben, da sind mir 100 Seiten Kriegsschilderung zuviel. Wenn man Geschichte studiert und/oder Geschichtslehrer wird, wird man nach der Schule ja nochmal mit dem Thema überhäuft. Wenn man sich dann noch dafür interessiert, hat man alles irgendwie irgendwo schonmal gehört, und alles was über Einzelschicksale hinausgeht, war dann eben schonmal da. Ich fand die Schilderungen über das Lager echt interessant, aber der Teil nimmt gegen jede Erwartung so wenig Platz im Buch ein – echt enttäuschend.

  2. hannah schreibt:

    Tolle Rezension!
    Ich habe das Buch neulich im Laden gesehen und irgendetwas daran hat mich abgeschreckt – deine Rezension bestätigt mich in meiner Vermutung. Der Protagonist hört sich ja sehr unsympathisch an. Aber mit so einem Titel kann man ja immernoch sehr viel Geld machen.
    Zeitzeugenberichte finde ich auch klasse – aber dann bitte den Tatsachen entsprechend. Fiktionales zum Nationalsozialismus – lese ich auch gerne. Aber ein Gemisch aus beidem? Muss nicht sein. Ich studiere auch Geschichte, und bin vielleicht insofern bei dem Thema ein wenig empfindlich, wenn das Thema so ausgeschlachtet wird.

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