|Rezension| Nellie Bly „Zehn Tage im Irrenhaus“

OT: Ten Days in a Mad-House

Aviva (September 2011)

110 Seiten, 18,50 € HC

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Die Geschichte

New York, 1887. Für ihren ersten Auftrag als freie Journalistin bei der aufstrebenden Tageszeitung „New York World“ soll Nellie Bly undercover aus der Frauenpsychiatrie auf Blackwells Island berichten. Ob sie den Mut dazu habe? Die 23-Jährige zögert nicht – natürlich hat sie den. Alle Vorbereitungen, wann und wie sie in die Irrenanstalt gelangen würde, bleiben ihr selbst überlassen. Also übt Bly Gesichtsausdruck und Verhalten einer Geisteskranken vor dem Spiegel und quartiert sich zunächst für eine Nacht in eine Pension für arbeitende Frauen ein, wo sie ihre Rolle zum Besten gibt. Der Weg von dort in die Anstalt erweist sich als Kinderspiel. Doch Bly merkt schnell: Wer einmal drin ist, dessen Chancen stehen schlecht, jemals wieder herauszukommen. In ihrer wirkmächtigen Reportage berichtet Nellie Bly von dem Weg in die Anstalt und von den desaströsen Zuständen und grauenhaften Misshandlungen, deren Zeugin sie dort wurde. „Zehn Tage im Irrenhaus“ ist ein Meilenstein des investigativen Journalismus und ein wichtiges Dokument der Psychiatriegeschichte. Es erscheint zum ersten Mal in deutscher Übersetzung.

Meinung

Nellie Bly ist mit dem Ziel nach New York gekommen, sich von ihrer alten Zeitung zu trennen und für eine der ganz großen im Big Apple zu arbeiten. Mit der Idee, sich auf ein Einwandererschiff zu schmuggeln, tritt sie an die New York World heran, Pulitzer’s Tageszeitung. Doch Pulitzer hat einen ganz anderen Vorschlag für Nellie – sie soll sich für geisteskrank ausgeben und undercover in der Psychiatrie auf Blackwell’s Island recherchieren. Der Artikel, den Nellie anschließend über ihre Erfahrungen schreibt, zeigt ein erschreckendes Bild der Zustände dort. Da die Ausgaben der Zeitung schnell restlos vergriffen sind, wird Nellies Weg in die Psychiatrie und ihre Tage dort noch einmal als Buch veröffentlicht.

Psychiatrien im 19. Jahrhundert sehen natürlich völlig anders aus als das, was man heutzutage unter psychiatrischen Kliniken versteht. Doch auch die Menschen in Nellies Zeit hatten teilweise ein völlig anderes Bild von dem, was in den Einrichtungen passiert, als es in Wirklichkeit erscheint. Auch Nellie macht sich zwar Sorgen, dass sie mit ihren verrückten Insassinnen Probleme haben wird, doch dass es am Ende die Pflegerinnen sein werden, die ihr schwer zu schaffen machen, hätte sie nicht erwartet. Nellie dachte, die Patientinnen verbrächten ihre Tage wohl versorgt und könnten sich in schöner Umgebung erholen. Was sie dann erlebt, macht sie genauso hilflos wie wütend. Auch als Leser ist man völlig fassungslos, wie grausam mit den Frauen umgegangen wird, von denen manche erst verrückt zu werden scheinen, nachdem sie eingeliefert wurden.

Nicht nur Nellies Bericht bekommt man in mit diesem Buch vorgelegt, sondern auch ein Einblick in die Entwicklung der Psychiatrie und des Journalismus zu Nellies Zeit sowie ein Abriss von Nellies Lebensweg, der in Deutschland scheinbar gänzlich unbeachtet, in Amerika aber wohl bekannt ist. Nellie Bly ist auch nach ihrer Undercoverrecherche in der Psychiatrie berühmt für ihren Einsatz für ihre Reportagen und hat noch mehr als ein weiteres Buch veröffentlicht.

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