Rezensionen

|Rezension| Holly-Jane Rahlens „Everlasting“

Wunderlich  (9. Mär 2012) – 432 Seiten – 14,95 € – Taschenbuch

Die Geschichte

Man schreibt das Jahr 2264. Gefühle sind unerwünscht, die Liebe ist ausgestorben. Die Geburtenrate ist gefährlich gesunken. Der junge Historiker und Sprachwissenschaftler Finn Nordstrom, Spezialist für die inzwischen tote Sprache Deutsch, erhält den Auftrag, die 250 Jahre alten Tagebücher eines jungen Mädchens aus dem Berlin des 21. Jahrhunderts zu übersetzen. Öde, findet er. Und albern. Doch dann ist er zunehmend fasziniert von dem Mädchen, das quasi vor seinen Augen erwachsen wird. Schließlich soll Finn in einem Virtual-Reality-Spiel in der Zeit zurückreisen, um das Mädchen zu treffen. Ohne es zu wissen, wird er damit zum Versuchskaninchen der Spieleentwickler. Warum schicken sie ausgerechnet ihn, den Fachmann für tote Sprachen, in die Zeit kurz vor Ausbruch der Großen Epidemie? Und was ist das für ein sonderbares Gefühl, das ihn überkommt, wenn er der jungen Frau begegnet? Bald muss Finn sich entscheiden – für die Liebe oder für die Zukunft …

Meine Meinung

Überall, wo ich hinschaue, gibt es Welten zu entdecken. Eine Welt in jedem Buch. Eine Welt in jedem Mann, jeder Frau, jedem Kind. Selbst wenn ich Millionen Jahre alt würde, könnte ich doch nie alles entdecken, was in jedem steckt.

Zeitreiseromane sind ja immer so eine Sache. Entweder ich liebe sie abgöttisch oder ich finde sie höchstens annehmbar. So viel muss stimmen – die Figuren, die Logik hinter der Zeitreise, die Geschichte, die von den Zeitreisen beeinflusst wird. Everlasting zählt zu den Romanen, die ich zwar schön zu lesen fand, an denen es aber Punkte gab, die mich zu sehr gestört haben, um darüber hinaus zu kommen.

Zuerst einmal das Positive – das Konzept war wirklich nicht übel. Die neue Welt, in der Finn lebt, hatte etwas Faszinierendes für mich. In einem Fingerschnipsen konnte man überall sein und Gefühle sind etwas, das niemand mehr zulässt, nachdem eine Katastrophe die Welt gebeutelt hat. Das Individuum existiert nicht mehr. Den damit zusammenhängenden Kniff in der Erzählperspektive fand ich überraschend und hätte nicht damit gerechnet. Finn und Eliana mochte ich beide gerne. Finns leicht rebellische Art und sein loses Mundwerk haben mich oft grinsen lassen und Eliana steht ihm in Nichts nach. Mit Eliana musste ich sogar mehr als einmal mitweinen.

Was mich dann aber gestört hat, war Finns Besessenheit von Eliana und umgekehrt, vor allem, weil Eliana zu Beginn ein dreizehnjähriges Mädchen ist. Dreizehn! Und Finn ist 26, also doppelt so alt! Wäre Finn ein real existierender Charakter, würden viele Leute empört aufschreien und sein Verhalten völlig unpassend finden. Und mir geht es in diesem Buch nicht anders – das geht so einfach nicht. Dass Eliana jahrelang darauf wartet, dass Finn zu ihr zurückkehrt, fand ich ebenso unlogisch. Zwar finde ich die Faszination umgekehrt nicht ganz so abwegig – Finn ist nicht unattraktiv, und Schwärmereien (die eben nur das bleiben) für unerreichbare Männer sind für dieses Alter nicht unüblich. Aber dass sie sich nach all den Jahren an diese Zufallsbekanntschaft aus dem Buchladen erinnert, dass sie ihm jedes Mal um den Hals fällt, nachdem er sie wortlos und kontaktlos sitzen hat lassen – dafür gab es für mich einfach keine logische Grundlage.

Schade fand ich auch, dass man tatsächlich so wenig über den Dark Winter erfährt. Wenn er so eine große Katastrophe war und dermaßen weitreichende Folgen hatte, hätte etwas mehr Info als „Das war er und so ist es dazu gekommen“ in kurzen Sätzen der Geschichte schon gut getan. So habe ich die Bedrohung so gut wie gar nicht gespürt, die bestünde, würde Finn in Elianas Zeit bleiben.

Was mich nur zu Beginn irritiert hat, war, dass mit einer unglaublichen Menge erfundener Begriffe um sich geworfen wurde, teilweise, ohne richtig zu erklären, um was es sich dabei handelt. Zeitweise war ich richtig genervt davon, weil ich mir die Szenen gar nicht richtig vorstellen konnte, weil ich absolut keinen Schimmer hatte, von was nun die Rede ist. Das legt sich aber mit der Zeit, vor allem, weil sich die Begriffe auf ein Minimum reduzieren und Finn sowieso viel Zeit in unserer Zeit verbringt.

Das Ende des Buches – wenn auch ganz anders als erwartet – fand ich wirklich einen schönen Abschluss für diese Geschichte. Zwar ist der Klappentext an sich irreführend, wenn man das Ende bedenkt, trotzdem war ich mit dem Ausgang doch wirklich zufrieden.

Insgesamt ist Everlasting ein solides Buch, das aber an manchen Punkten Schwächen hat, die es nicht über die Note befriedigend bringt.

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8 Kommentare zu „|Rezension| Holly-Jane Rahlens „Everlasting“

  1. Du hast natürlich das absolute Recht das Buch nicht zu mögen. Wenn du allerdings falsche Informationen über das Buch in die Welt setzt, muss ich dich leider korrigieren und dich bitten noch einmal darüber nachzudenken, was du mir da öffentlich unterstellst.
    Erst wenn Eliana knapp 18 Jahre alt ist, verliebt sich Finn in sie, und erst wenn sie 21 Jahre alt ist, (er ist fast 27, also sechs Jahre älter), geht es mit ihrer Beziehung richtig los. Am Anfang des Romans ist er, der Historiker und Sprachwissenschaftler, der nur ganz trockene Texte bearbeiten darf, von Elianas lebendigem Tagebuch fasziniert. Auch wenn er sie zum ersten Mal im “Spiel” kennen lernt — sie ist fast 14 — ist sie für ihn ein junges Mädchen. Er ist vielmehr von ihrer Familie fasziniert, er, der seine Eltern und Geschwister in einem Unfall kürzlich verloren hat. Wenn er sie wieder trifft und sie ist 15 empfindet er brüderliche Gefühle für sie: S. 221. Er macht diese Zeitreise, nicht weil er verliebt ist, sondern weil er ihre Trauer wegen des Todes ihrer Schwester empfindet und mit ihr leidet.

    Du schreibst, dass auch Eliana als 13-jähriges Mädchen von Finn besessen ist. Das stimmt nicht. Sie erwähnt nur einmal mit vierzehn in ihrem Tagebuch, dass sie Finn kennen gelernt hat und dass er seltsam ist. Viel mehr ist sie von der schönen Rouge beeindruckt. Auch später, nach dem Treffen auf der Beerdigung, als sie schon 16 ist, erwähnt sie, dass sie ihm geschrieben hat aber keine Antwort bekam. Erst nach dem Treffen im Oktober 2007, als sie fast 18 ist, macht sie sich Gedanken über ihn und erlebt den einen Tag zusammen als wunderschön. Als ich 18 war, habe ich mich in jemandem verliebt, den ich nur an einem einzigen Tag erlebt habe. Er hat sich nie wieder gemeldet. Jahrelang habe ich immer wieder Gedanken über ihn gemacht. Genauso macht es Eliana. Sie ist nicht besessen von ihm, sie lebt ihren Leben weiter und auch intensiv: lernt Jungen kennen, geht aus mit ihnen, fährt als Austauchschülerin in die USA, macht Abitur usw. Ausserdem: man darf nicht vergessen, dass ihre ganze Familie Finn erlebt hat und auch mochte. Eine „Zufallsbekanntschaft“ ist er eben nicht mehr, er ist Freund der Familie geworden.

    Seit fast 15 Jahren schreibe ich Bücher für Teenager und junge Erwachsene, bin ständig unterwegs in Schulen, habe selber einen Teenager zu Hause. Ich würde niemals „unpassende“ Beziehungen in meinen Büchern dulden. Ich denke, du solltest etwas genauer lesen. Viele Menschen haben inzwischen dieses Buch gelesen und Kritiken geschrieben. Bisher ist noch niemand darauf gekommen das Buch so wie Du zu interpretieren.

    1. Von falschen Informationen kann nicht die Rede sein, nur von persönlichen Empfindungen. Zwischen sexuellem Interesse und Besessenheit besteht für mich persönlich auch ein Unterschied. Eliana ist 13, als sie sich zum ersten Mal treffen und die Art, wie er sie beschreibt, waren für mein Empfinden ein wenig zuviel des Guten. Das mag ja alles so gemeint gewesen sein, wie Sie das beschreiben, mein Empfinden war eben ein anderes.
      Wäre Finn für Eliana an diesem Tag in der Buchhandlung nur interessant gewesen, hätte sie trotz allem irgendwann vergessen, wer er ist. Ich merke mir doch auch nicht jede kurze Bekanntschaft, die ich einmal schließe, und hebe mir den Kaugummi auf, den er mir schenkt.
      Es tut mir leid, wenn Sie sich von meiner Meinung auf den Schlips getreten fühlen, aber ich habe das Buch nicht ungenau gelesen, sondern eben anders empfunden.

    1. Das habe ich schon gelesen, aber Eliana hängt an diesen Kaugummis ja auch. Vielleicht war das das falsche Beispiel. Fakt ist – bei manchen Szenen habe ich mich einfach nicht wohl gefühlt, als ich sie gelesen habe. MIR persönlich war das einfach zu viel, in MEINEM Empfinden konnte ich die Beziehung nicht nachempfinden und MEINES Empfindens nach waren manche Gedanken, die Finn über Eliana hatte, nicht unbedingt angebracht für einen 26-Jährigen. Gegen diese Empfindungen kann ich nichts machen, das war eben so. Das heißt nicht, dass Sie es auch so gemeint haben.

  2. Ja, tatsächlich ist es IHR Empfinden. In den rund 30 Kritiken und Rezis, die ich bisher in den letzten zwei Wochen gelesen habe, hat sich sonst niemand darüber „beschwert“, dass die Beziehung zwischen Finn und Eliana „unangebracht“ sei. Einige diese Kritiken sind sogar von LehrerInnen wie Ihnen geschrieben wurden.

    Ich finde es jedenfalls gut, dass Sie diesen kleinen Gedankenaustausch veröffentlicht haben. Vielleicht haben Sie Lust, an die eine oder andere Leserunde zu „Everlasting“ teilzunehmen, die in den nächsten Wochen auf Lovely Books, bzw. Brigitte.de starten. Oder schauen Sie auf meiner Website für Informationen zu meinen anderen Büchern. „Mauerblümchen“ und „Prinz William …“ werden beispielsweise sehr gern in der Realschule gelesen und es gibt sehr gute Unterrichtsmaterialien dazu.

    Unabhängig davon: woher haben Sie den Namen „Holly“ — das ist ein gewöhnlicher Namen in Deutschland. :-)

    Herzliche Grüße
    Holly-Jane Rahlens

    1. Wieso sollte ich ihn nicht veröffentlichen. (: Wenn ich meinen Senf zu einem Buch abgebe, wäre es doch unfair, nicht die Autorin zu Wort kommen zu lassen, wenn sie sich dazu äußern möchte. Außerdem finde ich es gut, dass klargestellt wurde, dass es eben absolut nicht so gemeint war.

      Prinz William hatte ich übrigens schon vor langer langer Zeit gelesen, damals nur noch nicht gebloggt, und fand es sehr schön. Ich habe leider momentan nur so jungslastige Klassen.

      Holly heiße ich nicht wirklich, das ist nur mein „Onlinename“, den ich schon seit Jahren mit mir herumschleppe (obwohl ich lieber so heißen würde (; )

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