Rezensionen

|Rezension| Chris Beckett „Messias-Maschine“

Knaur TB (2. Jul 2012) – 336 Seiten – 9,99 € – Taschenbuch

Die Geschichte

Überall auf der Welt werden Wissenschaftler wie Ketzer verfolgt. Wer entkommen kann, flieht nach Illyria, das Mekka der Technik und des Fortschritts. Hier verliebt sich der schüchterne George in die schöne Lucy – eine hochentwickelte Roboterfrau, die keine Gefühle hat. Oder vielleicht doch? Als sich bei Lucy die ersten Anzeichen eines erwachenden Bewusstseins zeigen, weiß George, was geschehen wird: Die Behörden werden wie bei jeder anderen Maschine, die nicht mehr einwandfrei funktioniert, die Festplatte löschen. Ein ganz normaler Routinevorgang – oder doch nichts anderes als Mord? Die einzige Chance, Lucy zu retten, ist die Flucht aus Illyria in die feindliche Außenwelt …

Meine Meinung

„Die Rechenautomaten haben etwas von den Zauberern im Märchen. Sie geben einem wohl, was man sich wünscht, doch sagen sie einem nicht, was man sich wünschen soll.“

[Norbert Wiener]

Wenn man den Klappentext liest, tendiert man wohl dazu, sich zu denken: Oh, das klingt aber nach einer sehr schönen Liebesgeschichte. Da verliebt sich jemand in einen Roboter und hilft ihm dabei, menschlicher zu werden. Filme wie I-Robot oder der 200-Jahre-Mann schießen einem in den Kopf. Doch die Messias-Maschine ist ganz anders als vorher erwartet.

Der schüchterne George ist nicht nur schüchtern, er ist ein bei Mama wohnender und von ihr total verkorkster Typ, der mit Frauen nicht sprechen kann, ohne sich innerlich in die Hosen und äußerlich zum Trottel zu machen. George und echte Frauen – das funktioniert nicht. Als George eine junge Frau kennenlernt, die für eine Computerfirma arbeitet, läuft auch dieses Treffen schief, obwohl er sie unbedingt beeindrucken will. Also zieht es ihm zu dem Naheliegensten – Roboterprostituierte. Und hier trifft George das erste Mal auf Lucy. Tatsächlich, ja. Lucy ist eine mechanische Prostituierte, die darauf programmiert ist, jedem Mann, der Interesse an ihr hat, seine Wünsche zu erfüllen. Hier platzt der Traum von der romantischen Liebesgeschichte – Lucy ist für George immer nur eine Möglichkeit, seine Gefühle, die er gerne für eine reale Frau hätte, auf eine Maschine zu projizieren, die tut, was er will und ihm vorspielt, sie möge ihn. Und George ist für Lucy immer nur ein Mensch, dem sie gefallen will, oder höchstens Mittel zum Zweck, um ihre Fragen zum Leben zu beantworten.  Keinen von beiden konnte ich wirklich mögen – Lucy hat zu wenig Menschliches an sich, trotz dass sie ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass sie eine Maschine ist. Sie ist und bleibt immer nur Produkt ihres Lernprogramms, der Bücher, die sie gelesen hat und der Antworten und Vorgaben, die sie von George erhält. Und George ist einfach viel zu jammerig, zu selbstmitleidig und vor allem sind seine Gedankengänge teilweise so unnachvollziehbar, dass er mich eigentlich nur geärgert hat.

Der Autor macht mit Georges Mutter eine Nebenhandlung auf, die mich fast mehr interessiert hat als die beiden Protagonisten. Als ehemalige Forscherin auf dem Bereich der künstlichen Befruchtung geriet George Mutter in die Hände fanatischer Christen und hat seit der öffentlichen Demütigung und Einschüchterung Angst, das Haus überhaupt zu verlassen.  Sie verbringt ihre Tage – und, wenn George sich nicht um sie kümmert, auch Nächte – im SenSpace, einer virtuellen Realität, die sich beinahe wie echtes Leben anfühlt. Dieser Zwiespalt zwischen Realität, die so bedrohlich wirkt, und der unechten Welt, die Sicherheit verspricht, wurde wirklich gut dargestellt und wie die Geschichte endet, war zwar abzusehen, aber deswegen nicht minder erschütternd.

Die Welt, in die Messias-Maschine spielt, fand ich nicht durchweg glaubwürdig. Einerseits sind da sie Roboter, die schon fast lebensecht sind und der SenSpace, der greifbarer ist als das heutige Internet – alles Erfindungen, von denen ich mir gut vorstellen kann, dass sie einmal existieren könnten. Aber gerade in einer Welt, in der Technik so voranschreitet und Fortschritt zum Leben dazugehört wie die Luft zum Atmen, fällt es mir schwer zu glauben, dass irgendwann nur noch ein Land existieren könnte, dass sich dem Fortschritt und der Technik verschreibt, während alle anderen Länder wie im dunklen Mittelalter leben, weil sie sich dagegen entschieden haben. Der Autor will uns einreden, dass es möglich für den Großteil der Menschheit ist, ihres Glaubens wegen auf alle Annehmlichkeiten zu verzichten, die ihnen unser heutiges Leben bietet. Einen so radikalen Umschwung kann ich mir nur schwer vorstellen, vor allem wenn man bedenkt, wie aufgeschmissen man sich schon bei einem Stromausfall fühlt. Auch sehe ich nicht ganz ein, wieso der Glauben wirklich jede Art von moderner Technik verbieten sollte. Das ist mir doch ein Schritt zu viel in die Unglaubwürdigkeit.

Eins muss man dem Buch lassen – es war zwar nicht das, was man dem Klappentext nach erwartet hat, aber es war trotz aller Kritikpunkte wirklich interessant zu lesen. Auch wenn die Welt unglaubwürdig war, so waren doch manche Gedankengänge der Protagonisten leicht auch auf die heutige Zeit übertragbar. Wie viel Technik braucht der Mensch? Welchen Wert hat künstliche Intelligenz und können Maschinen, die eine besitzen, ein eigenes Bewusstsein und eine Seele entwickeln? Was geschieht mit unserem Glauben in einer Welt, in der wir beinahe überall eingreifen können? Ist das virtuelle Leben zu vergleichen mit dem realen?

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