|Rezension| Christine Biernath „Nicht mit mir!“

Beltz (30. Okt 2012) – 176 Seiten – 6,95 € TB – ISBN 3407743335

 Klappentext

Die Fronten in der Klasse sind klar: Dünne gegen Dicke, Coole gegen Uncoole. Und es funktioniert, weil niemand widerspricht. Lukas nicht, der sich von Lennard vorführen lässt, weil er sich Anerkennung erhofft. Jenny nicht, die mitmacht, aus Feigheit und Angst. Als Nadja neu in die Klasse kommt, wittert die Clique um Lennard sofort ein neues Opfer. Doch Nadja lässt sich nichts gefallen. »Nicht mit mir!«, sagt sie. Und tatsächlich kommt Bewegung in die Klasse, beginnt die Clique an Lennard zu zweifeln …

Meine Meinung

Irgendwie haben diese problemwälzenden Jugendbücher alle eines folgender Probleme: Sie sind zu belehrend oder man lernt eigentlich gar nichts daraus. Sie haben einen Protagonisten, der ein wandelndes Klischee ist oder sie haben Unmengen an Protagonisten, die aber alle irgendwie flach bleiben.  Welches dieser Probleme hat also „Nicht mit mir!“?

An sich ist die Idee ja wirklich erfrischend. Das Buch greift das Thema Mobbing auf, jedoch lässt sich die betroffene Schülerin einmal nicht herumschubsen und klagt über ihr Schicksal. Nadja ist nicht glücklich mit ihrer neuen Situation, das sicher nicht. Die bösen Blicke und Kommentare ihrer Mitschüler lassen Selbstzweifel in ihr aufkeimen, die vor allem ihre üppige Figur betreffen. Was macht Nadja also anders als die typischen Protagonisten? Sie wendet sich an ihre Mutter und beste Freundin, ist ehrlich darüber, dass sie in einer schweren Situation steckt und bietet mit diesem Rückhalt ihrer Klasse die Stirn. Sogar ich musste einmal anerkennend nickend, als Nadja sich gegen ein manipuliertes Foto im Internet wehrt, das ihren Kopf auf einem ziemlich dicken Körper abbildet.

Leider sind die drei restlichen Hauptfiguren dann doch die wandelnden Klischees. Da ist Lennard, der auf den ersten Blick einen auf dicke Hose macht, aber dahinter steckt ein unsicherer junger Mann, der mit der Scheidung seiner Eltern und seinem Drang nach Anerkennung kämpfen muss. Und Lukas, über den alle sich lustig machen, und der deswegen freiwillig den Klassenclown spielt, um sich vorzumachen, dass diese Situation noch in seiner Hand liegt. Außerdem Jennifer, der das ganze Vorgehen in der Klasse natürlich innerlich total gegen den Strich geht, die aber erst am Ende den Mund aufbekommt. Wieso traut sich niemand an die Mobber-Sicht heran, wenn man schon mehrere Protagonisten einführt?

Die Hintergrundgeschichten werden bei allen Figuren nur angerissen, aber so recht darauf eingegangen wird nicht. So kommt nur wenig heraus, dass das Verhalten mancher Figuren davon abhängt, was in ihrem außerschulischen Leben passiert. Insgesamt hat mich auch das Ende ratlos zurückgelassen – weder haben sich die Figuren groß weiterentwickelt, noch weiß man, was aus der Situation in der Schule wird und was überhaupt dieses Unglück soll, das Lennard am Schluss ereilt. Offenes Ende schön und gut, aber das hier war mir schon etwas zu schwammig.

Wer ein solides Jugendbuch für eine Klassenlektüre sucht, der findet es mit „Nicht mit mir!“ sicher. Ich hätte mir in diesem Fall ein abgeschlosseneres Ende, weniger Protagonisten oder zumindest mehr Mut zur zweiseitigen Betrachtung des Themas Mobbing durch Täter und Opfer gewünscht.

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Ein Gedanke zu “|Rezension| Christine Biernath „Nicht mit mir!“

  1. Nico schreibt:

    Rezension von Nico Schlüter
    Rezension:
    Christine Biernath beschreibt in ihrer Geschichte zunächst einmal ein ganz typisches Klassenbild: Da gibt es die coolen Sprücheklopfer, wie Lennard oder Julian, die zickigen Mädchen, die Ihresgleichen nur nach Körpermaßen und modischem Outfit beurteilen, die Mitläufer wie Jenny und da gibt es die Außenseiter, in diesem Fall Lukas bzw. Fatso, der durch sein Übergewicht und dem entsprechend tapsigen Benehmen zum Einzelgänger wird. Die Anfeindungen gegenüber Fatso werden deutlich, wenn er beim Fußballspielen als Torwart ganz bewusst durch seinen Umfang gedemütigt wird. Bevor Lukas übergewichtig war, wurde er Lucky genannt, weil er als Torhüter die Bälle so fantastisch hielt. Doch die ganze Dramatik des Mobbing-Systems wird nicht wirklich klar herausgearbeitet. Immer dann, wenn die Brisanz von Mobbing eingehender, tiefer beschrieben werden könnte, nein müsste, fällt die Geschichte in Nebensächlichkeiten ab.  Die Folgen der Demütigungen für Lukas  bleiben  oberflächlich. Immer wieder nehmen unwichtige Nebenschauplätze einen breiten Rahmen ein, beispielsweise rückt der neue Job als Zahnärztin von Nadjas Mutter in den Vordergrund, damit verbunden die Suche nach einer weiteren Zahnarzthelferin.
    Vielleicht liegt es daran, dass die Handlung nicht linear sondern immer abwechselnd aus der Sicht der einzelnen Personen erzählt wird, dass die katastrophalen Auswirkungen von suptilen Entwürdigungen und auch manche Charaktere  nur oberflächlich bleiben. Vielleicht liegt es daran, dass mal die Probleme von Nadja, als kritisch und mit wenig Toleranz beäugter Neuzugang in der Klasse in den Vordergrund gestellt werden, dann wieder die Opferrolle von Lukas. Beide werden auf  unterschiedliche Weise von ihren Klassenkameraden vorgeführt und nur Nadja kann sich durch den Rückhalt ihrer Freundin im Hintergrund in der Klasse durchsetzen.  Sicherlich wünschenswert aber völlig unrealistisch das Ende, als sich die Protagonisten harmonisch am Krankenbett eines Klassenkameraden glücklich vereinen. Auch wenn am Anfang des Buches die angesagte explosive Stimmung vernehmbar gewesen ist, durchzieht die in knapper, klarer Sprache gehaltene Geschichte ein laues Lüftchen. Den eindringlichen, nachwirkenden Eindruck von Schulmobbing mit seinen traurigen und manchmal tragischen Folgen hat man leider nicht erreicht.

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