|Rezension| Melanie Raabe „Die Hässlichen“

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Amazon Media (Sep 2012) – 274 Seiten – ASIN B0095IBZ66 – 4,99 € eBook

Klappentext

Die Freundinnen Helena und Claire sind hässlich. Claire schon immer, Helena erst, seit ihr Gesicht bei einem Unfall entstellt wurde. Rumjammern? Fehlanzeige. Schönheits-OPs? Auf gar keinen Fall! Die beiden haben es satt, sich für ihr Aussehen zu schämen. Sie gründen die „Fuglies“, eine Mischung aus radikaler Selbsthilfegruppe für hässliche Menschen und Kulturguerilla. Und die Gruppe wächst rapide. Die „Fuglies“ veranstalten verrückte Happenings, Kunstaktionen und Parties. Sie drehen den Spieß um, machen das Hässlichsein exklusiv. Die Abkehr vom Schönheitswahn trifft einen Nerv: Ruckzuck werden die „Fuglies“ zu Medienstars. Doch schon bald entstehen Spannungen in der Gruppe: Die einen wollen einfach nur ihren Spaß, die anderen werden zunehmend radikaler und sind bereit, zur Not auch mit Gewalt gegen die „Diktatur der Schönheit“ vorzugehen. Als eine Kette von tragischen Ereignissen die Gruppe erschüttert und die Lage vollkommen zu eskalieren droht, ist auch die Freundschaft von Helena und Claire im Begriff, zu zerbrechen…

Meine Meinung

Tag für Tag, Stunde um Stunde sind wir umgeben von schönen Menschen – in Filmen, in der Werbung, in Zeitungen, auf Plakaten oder sie stehen uns wahrhaftig gegenüber. Und mit ihrem Anblick sind wir gezwungen, uns darüber Gedanken zu machen, wie schön wir uns selbst finden. Doch was ist schön? Wieso haben es schöne Menschen leichter? Und was passiert, wenn sich die zusammenschließen, die sich nicht zu dieser Menge zugehörig fühlen? Damit beschäftigt sich Melanie Raabe in ihrem Buch „Die Hässlichen“.

Dabei konzentriert sich die Autorin auf drei Protagonisten – Helena, Claire und Bastian. Helenas Lebensinhalt besteht darin, sich selbst schön zu finden, dass andere sie schön finden und die Trophäen zu sammeln, die ihre Schönheit ihr bringen – vor allem einen ebenso gutaussehenden Freund, den sie eigentlich nicht liebt, und attraktive Freunde, die sie vorzeigen kann. Aufgewachsen in einer Künstlerfamilie erfährt sie nur Liebe durch gutes Aussehen und ihre Kunst. Manchmal tat mir Helena schon leid, den  Großteil der Zeit fand ich sie aber einfach nur unerträglich egoistisch. Andererseits ist Helena ein Beispiel dafür, dass nicht unbedingt das Aussehen an sich wichtig ist – denn das verliert sie im Laufe des Buches -, sondern der Glaube an sich selbst. Ihre Freundin Claire, die sie aus Kindertagen kennt, gehört nicht zu Helenas Clique, denn sie ist alles andere als gutaussehend. Sie definiert sich über ihren Erfolg an der Universität, sehnt sich innerlich aber auch nach Anerkennung. Auch sie ist kein besonders sympathischer Charakter, einerseits, weil sie eine unheimliche Rechthaberin ist, andererseits, weil sie selbst nicht wirklich hinter dem steht, was sie predigt – gedanklich ist sie ebenso oberflächlich und schönheitssüchtig wie ihre Freundin.  Der Dritte im Bunde ist Bastian, ein Abiturient, der so sehr unter seiner Akne und seinem schlaksigen Körperbau leidet, dass er sogar mit dem Gedanken spielt, sich um zubringen, bis er auf die Fuglies trifft, wo er sich endlich einmal zugehörig fühlen möchte. Bastian war der einzige Charakter, den ich wirklich mochte, weil ich seine Gefühle nachvollziehen konnte.

Die Entwicklung, die die Gruppe der Fuglies durchmacht, fand ich erschreckend – und das ist auch sicher so gewollt. Als kleine Selbsthilfegruppe für Menschen, die sich hässlich finden, gegründet, wird die Gruppe irgendwann ein Kunstprojekt der Gründerin Helena – und deren Kunst ist nicht die der harmlosen Sorte. Die Mitglieder müssen sich mehr als einmal vor vielen Leuten selbst demütigen und irgendwann eskaliert die Situation so, dass sogar Blut fließt. Mit jeder neuen Aktion dachte ich mir: DAS ist doch nicht ihr Ernst? Jetzt ist aber mal genug! Dennoch bildet die Gruppe einen Zufluchtsort, eine Stelle für diejenigen, die sich anderswo wegen ihrem Aussehen ausgeschlossen fühlen, die einen Ort haben möchten, wo sie nicht angestarrt und verurteilt werden. Vor allem für Bastian hat das ungeahnte Folgen (und in meinen Augen auch ein wenig unrealistische. Irgendwie fühlte ich mich, als hätte jemand im Buch den Zauberstab geschwungen und einen Kleinjungenwunsch über Nacht erfüllt.)

Tatsächlich hat mich „Die Hässlichen“ zum Nachdenken gebracht – viele Proteste gegen zu magere Models und die Bevorzugung von attraktiven Personen auf der Jobsuche haben ihre Berechtigung in unserer Gesellschaft und sollten nicht ignoriert werden, nur weil es „einen nicht selbst betrifft“.  Auf der anderen Seite bin ich nun aber auch nicht geläutert und weniger eitel als vorher – gerade aus dem Bewusstsein heraus, wie wichtig Aussehen heutzutage ist und wie sehr ich als Lehrerin unter Beobachtung meiner Schüler und Kollegen stehe (und Schüler sind durchaus so ehrlich, dass sie das von selbst zugeben.)

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2 Gedanken zu “|Rezension| Melanie Raabe „Die Hässlichen“

  1. Miss Bookiverse schreibt:

    Klingt eigentlich echt interessant, aber ich bin bei so Selbstverlegern (ist es das überhaupt, wenn es über Amazon Media kommt?) immer vorsichtig. Wie ist das Buch denn stilistisch? Liest es sich gut? Oder stolpert man eher über schlechte Formulierungen?

    • umblaettern schreibt:

      Es ist selbstverlegt, finde es aber qualitativ echt gut, was man ja leider nicht immer behaupten kann. Jedenfalls war ich ganz zufrieden :)

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