|Rezension| Undine Zimmer „Nicht von schlechten Eltern“

eltern

Klappentext

Wir sind die Summe der Erfahrungen, die wir machen. Für ein Hartz IV-Kind zählen aber auch die, die es nicht macht: wie Familienurlaub, Klassenausflug, Musikunterricht oder einfach mal ein Eis essen gehen.
Für Undine Zimmer war das die Realität. In einem ganz eigenen, souveränen Ton erzähltsie davon, was das tatsächlich bedeutet: von ihren Eltern, die als „nicht integrierbar in den Arbeitsmarkt“ gelten, von mitleidigen Lehrern, verständnislosen Sachbearbeitern, der Furcht bloßgestellt zu werden und dem ständigen Gefühl, nicht dazuzugehören. Jenseits aller Klischees gibt sie einen Einblick in eine Welt, über die zwar viel geredet wird, aber von der kaum wirklich jemand etwas weiß. Ein einfühlsamer und authentischer Bericht, der zeigt, dass Chancengleichheit und Klassenlosigkeit in Deutschland immer noch unerreichte Ziele sind.

Meine Meinung

Dass ich einen Studienabschluss habe, kommt mir manchmal wie ein Wunder vor. Nicht, weil ich eigentlich dumm wie Brot bin. Aber manchmal denke ich mir beim Lesen bestimmter Artikel, Statistiken und Co eben das – nach deren Ansicht hätte es wahrscheinlicher „nur“ für einen Hauptschulabschluss gereicht. Ich bin ein Kind aus einer sogenannten bildungsfernen Schicht. Nur, dass ich das nie so empfunden habe. Diese Vorurteile, die durch die Medien und Köpfe der Deutschen geistern, konnte ich nie auf meine Eltern anwenden. Wie prägend so eine Herkunft sein kann – in jeglicher Hinsicht – verstanden meine Freunde nur selten. Als ich aufs Gymnasium wechselte, wurde mir von Mitschülern ins Gesicht gesagt, dass „ein Kind wie ich nicht aufs Gymnasium gehört“ und dass ich es nie bis zum Abitur schaffen würde. So etwas stammt nicht aus Kindermund, es wandert nur von den Eltern weiter. Ich war schon in der fünften Klasse bedient. Manche von ihnen haben es wirklich nicht bis zum Abitur geschafft, viele sind im Studium plötzlich gescheitert. Ich habe mich durchgebissen, bis zum Examen.

Als ich eine Reportage über Undine Zimmer gesehen habe, wollte ich unbedingt ihr Buch lesen. Es kam mir vor, als hätte ich jemanden gefunden, der wenigstens ein wenig dasselbe erlebt hat und fühlt wie ich. Undine Zimmer ist Tochter zweier Hartz IV-Empfänger und hat ebenfalls ein Studium abgeschlossen, trägt aber immer noch ihre Vergangenheit mit sich herum. In ihrem Buch berichtet sie von ihrer Kindheit und Studienzeit, die von einem völlig anderen Verständnis von „Wir haben kein Geld“ geprägt war und in der sie immer wieder vom Schatten ihrer Eltern verfolgt wird. Und sie zieht ein Fazit darüber, wie die Arbeitslosigkeit ihrer Eltern sie geprägt hat. Auch wenn ich den Eindruck bekommen habe, dass Undine Zimmer ein noch viel durchhaltefähigerer und verbissener kämpfender Mensch ist als ich, konnte ich mich doch in vielen Passagen wiederfinden. Manchmal fand sie Worte für das, was ich selbst nie in Worte fassen konnte. Wie sehr man eine Eltern verteidigen will, ganz egal, wie man sich über sie ärgert, weil sie so viel für einen getan haben und immer noch tun. Und wie schwer es fällt, sich über etwas zu freuen. Wie Geschenke und Nettigkeiten ein schlechtes Gewissen wecken und wie wütend Mitleid machen kann.

Auch ihre Eltern kommen hin und wieder zu Wort. So veröffentlicht sie einen Bericht über die Arbeitssuche ihres Vaters oder Auszüge aus Briefen und Tagebucheinträgen ihrer Mutter. Man bekommt so also nicht nur einen Eindruck des Kindes, sondern auch der Eltern und wie sie ihre Situation empfanden und damit umgingen – sehr unterschiedlich übrigens. Sie spricht nicht immer nur positiv von ihnen, aber man merkt, dass vor allem ihre Mutter viele Opfer für ihr Kind und dessen Glück und Bildung gebracht hat.

Ich würde das Buch jedem empfehlen, der einmal wissen möchte, wie das Leben mit Hartz IV aussehen kann. Vielleicht bringt es so manchen auch zu denken, wie sie mit den Empfängern und ihren Familienmitgliedern umgehen. Ich habe es zum Beispiel satt zu hören, meine Eltern und ich wären „eine Ausnahme“ von der schmarotzenden Regel. Das ist ein wenig wie die Sätze, die mit „Ich habe ja nichts gegen „hier beliebige Gruppe einfügen“, ABER“ beginnen.

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