Erfahrungen · Rezensionen

|Rezension| Susanne Beyer, Martin Doerry „Mich hat Auschwitz nie verlassen“

auschwitz

DVA * 21.09.2015 * ISBN 978-3-641-17463-7

HC 29,99 € * eBook 23,99 € *  Leseprobe

Klappentext

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen waren hier von den Nationalsozialisten ermordet worden; nur wenige Gefangene kamen mit dem Leben davon. Diejenigen, die die Lagerhaft überlebten, konnten oder wollten in den Jahren nach der Befreiung meist nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Sie fühlten sich außer Stande, über die Exzesse der Entwürdigung, die sie in Auschwitz erfahren mussten, zu reden, oder sie fanden für ihre Erinnerungen kein Gehör.

Weltweit haben SPIEGEL-Redakteure und -Mitarbeiter nun ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers besucht und befragt, Susanne Beyer und Martin Doerry haben diese Berichte in einem Buch zusammengestellt. Die beeindruckenden Schilderungen der letzten überlebenden Zeugen von Auschwitz werden reich bebildert mit Porträts, die die Fotografen Sara Lewkowicz und Dmitrij Leltschuk für diesen Band anfertigten. [randomhouse]
Meinung

Aus Geschichte zu lernen ist wichtig, war aber wohl noch nie wichtiger als in der momentanen Zeit. Natürlich kann man dafür Geschichtsbücher wälzen und Gedenkstätten besuchen, doch nichts vermittelt einen so lebendigen Eindruck wie die Erzählungen derer, die sie erlebt haben. In „Auschwitz hat mich nie verlassen“ erzählen 20 Überlebende, die mittlerweile überall auf der Welt leben, wie sie nach Auschwitz kamen, was sie dort erlebt haben und wie sie die Befreiung empfunden haben. Obwohl sich alle am selben Ort befunden haben, sind es doch 20 grundverschiedene Geschichten, die sich nur in ihren Tatsachen überschneiden.

Jeder der Überlebenden hat das, was geschehen ist, anders verarbeitet – was die einen nur als Nebensache erwähnen, hat sich den anderen auf immer in den Kopf gebrannt. Auch wie sie mit ihren tätowierten Nummern umgehen, ist grundverschieden – manche zeigen sich offen, manche verstecken sie oder haben sie sogar wegbrennen lassen, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Manche konnten flüchten und berichten von ihrer Flucht. Manche fanden sogar ihre große Liebe im Lager. Aber alle sind sich einig: Was wir erlebt haben, muss erzählt werden. Und was sie erlebt haben, ist so unmenschlich und erschreckend, dass ich beim Lesen oft schlucken musste. Oft fällt in den Berichten der Satz, sie wurden behandelt und hätten sich gefühlt wie „Vieh“. Keine Brutalität wurde nicht dazu genutzt, ihnen vor Augen zu führen, wie wenig sie wert waren und wie brutal ihr Leben enden wird, wenn sie keinen Nutzen mehr für die Nazis haben. Nur wenige berichten von Deutschen, die ihnen geholfen haben, am Leben zu bleiben. In Auschwitz wurden die größten Monster eingesetzt, wird erzählt.

Begleitet werden die Berichte von alten Bildern der Zeitzeugen und eindrucksvollen Porträts.

Fazit

Ein wunderbares und gleichzeitig erschreckendes Beispiel für gelungene Oral History.

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