|Blogtour| #ichliebemeinenjob als Lehrerin

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Oft finde ich es schwer zu erklären, warum ich die Schulart gewechselt habe, ohne das Gefühl zu haben, anderen Lehrern gewaltig auf die Zehen zu treten. Darum vorneweg: mein Wechsel zur Reformpädagogik war ein sehr persönlich motivierter, mindestens genauso persönlich motiviert wie überhaupt die Entscheidung, Lehrerin zu werden.

Meine Schulzeit war so großen Stücken für mich die Hölle. Mit dem Wechsel aufs Gymnasium ging es erstmal abwärts, Prüfungsangst und Mobbing waren für mich über lange Strecken an der Tagesordnung. Doch in dieser ganzen Zeit gab es immer diese besonderen Lehrer, sogar viele davon, die eine helfende Hand und ein ermutigendes Wort für mich übrig hatten, auch, wenn ich vieles davon erst im Rückblick erkenne – die Ermunterung zu Nachmittagskursen mit anderen Schülern außerhalb meiner Klasse, die pädagogische Note in der letzten Schulaufgabe, für die ich Stunden gelernt hatte, das aufmunternde Lächeln auf dem Gang, das Lob für gute Arbeit.

Be the person you needed when you were younger.

Danach wollte ich unterrichten. Mit idealistischen Vorstellungen bin ich ins Studium – ich hatte die Personen, die im richtigen Moment das richtige getan hatten, und wollte das auch. Ich dachte, ich hätte den richtigen Platz gefunden, mich weit über das Maß mit Schulpädagogik beschäftigt, war in dem Bereich sogar HiWi. Und dann kam das Referendariat….

Ich kenne niemanden, der je gesagt hätte, das Referendariat wäre die schönste Zeit seines Lebens gewesen. Ich habe vorher und auch später nie wieder so wenig geschlafen, so ineffektiv Unterricht vorbereitet, mich so oft zum Affen gemacht, so unmögliche Erwartungen an mich gestellt, so viel unnützes Geld für Material ausgegeben, mich noch nie so wenig respektiert und ernst genommen gefühlt (und das nicht von den Schülern!) wie in diesen zwei Jahren. Ich bin nie wieder so gegen Wände gelaufen in meinem Bemühen um meine Schüler, ich hatte nie wieder so das Gefühl, meine einzige Aufgabe wäre es, Noten aus Kinder herauszuquetschen, Wissen wie Wasser in Siebe zu kippen, mehr auf Lehrpläne und Notenschlüsse konzentriert zu sein als auf die Personen, die da vor mir saßen.

Das war nicht, was ich wollte! Ich war totunglücklich mit dem System.

Während sich in der darauffolgenden Jobsuche meine Kollegen herrlich über Waldorfvorurteile amüsierten, sah ich plötzlich einen Lichtstreif am Horizont. Ich habe eine offene Stelle gefunden, zwei Monate an meinem freien Tag hospitiert und schließlich dort angefangen. Ich habe eine eigene Klasse übernommen, nebenbei meine Waldorfausbildung nachgemacht. Das ist jetzt mehr als drei Jahre her.

Every student can learn. Just not on the same day or in the same way. [George Evans]

Nein, ich vergebe tatsächlich keine Noten. Meine Kinder können auch nicht sitzen bleiben. Sie lernen trotzdem. Wir können alle unseren Namen tanzen. Und noch eine ganze Menge mehr. Wir haben einen eigenen Acker angelegt und einen eigenen Kompost auf dem Schulgelände gemauert – mit unseren eigenen Händen. Wir spielen zweimal im Jahr Theater. Wir können alle mindestens ein Instrument spielen. Wir sind nicht dumm, wir sind keine Sonderschule. Ich arbeite mehr, als ich es im Referendariat getan habe. Und bin glücklich damit – zumindest die meiste Zeit. Wenn ich abends müde ins Bett falle, dann, weil ich das mit Herzblut machen kann, was ich von Anfang an wollte: meine Kinder individuell sehen, ihnen Zeit geben, sie nicht in Leistungsraster pressen. Für mich war diese Entscheidung die richtige.

Gestern berichtete Jessica von Testen mit Spaß übrigens von ihrem Job im Bereich Inkasso und morgen ist Manuela von Nikui Text und Rat an der Reihe.

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2 Gedanken zu “|Blogtour| #ichliebemeinenjob als Lehrerin

  1. Nana schreibt:

    Liebe Heike,

    das klingt einfach wunderschön und macht Mut! Ich freu mich, dass deine Entscheidung so richtig und gut war und du dich an der neuen Schule nun wohlfühlen kannst – denn es gibt wenige Dinge, die meiner Meinung nach wichtiger sind, als dass wir uns mit dem, was wir tun wohlfühlen, dass es uns wichtig ist und wir uns selbst dabei treu bleiben können. ♥

    Hut ab vor deinem Mut und danke für diese sehr schönen und inspirierenden Zeilen, die meinem inneren Schweinehund auf sanfte Art gerade die Leviten gelesen haben…

    Viele LG,
    Nana

  2. Miss Bookiverse schreibt:

    Das ist ja sooo schön :)) Ich habe in meinem Leben auch schon den ein oder anderen Waldorfschulwitz gerissen, aber umso älter ich werde, desto mehr stelle ich fest wie viel Gutes in diesem Konzept steckt. Es einfach wichtiger Dinge zu verstehen und zu erforschen, neugierig sein und seine Interesse und Stärken auszubilden als stur Sachen auswendig zu lernen, zu denen man keinen Zugang findet und die man 2 Wochen später wieder vergessen hat.

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