|Einfach mal erzählt| Warum man nicht jedes Buch weiterempfehlen sollte

problembucher

Die Möglichkeit zum Zugang ist nicht gleich die Möglichkeit zum Umgang

Auf Facebook gab es neulich folgende Diskussion: Eine ältere Schwester fragte, ob sie dieses eine diverse Buch erotischen Inhalts, dessen Verfilmung gerade angelaufen ist, ihrer dreizehnjährigen Schwester schenken solle. Diese würde es sich wünschen, sie fände die Idee aber nicht so toll. Nun sind mir bei diversen Antworten doch die Gesichtszüge entgleist. Davon abgesehen – und das lasst euch von einer Lehrerin einfach mal sagen – dass es einen gewaltigen Unterschied gibt, ob Kinder „heutzutage ja sowieso Zugang zu so etwas haben“ und wirklich mit dem umgehen können, was sie da konsumieren, finde ich es höchst problematisch, etwas mit dem Argument durchzuwinken, „man könne danach ja mit ihr darüber reden.“

Es ist ja nun auch durchaus kein Geheimnis, dass ich diese Reihe aus vielerlei Gründen als sehr problematisch ansehe, aber mir hat diese Diskussion vor allem mal wieder aufgezeigt: man kann ja Dinge echt gerne mögen, die nicht so einwandfrei sind. Was wir selbst lesen und lieben, das ist ja unsere höchstpersönliche Sache. Eine andere Sache ist es aber, diese problematischen Bücher weiterzuempfehlen, vor allem an eine so beeinflussbare Zielgruppe.

In die Falle getappt

Ich möchte das gerne an einem Beispiel festmachen, dem ich selbst auf den Leim gegangen bin. Man ist ja nicht allwissend und kann immer wieder dazulernen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele blauäugig Bücher weiterempfehlen, derer Problematik sie sich nicht einmal im Ansatz bewusst sind. Da stand ich also auch und fand „Du neben mir“ total super. Die Wendung war irgendwie vorhersehbar, ja, und ich hätte es gerne anders gehabt, aber was soll, dachte ich mir. Was mir nicht bewusst war: Für Menschen, die wirklich an dieser Krankheit leiden, ist dieses Buch wirklich schädlich, denn es trägt kein bisschen dazu bei, dass diese in der Literatur die angebrachte Beachtung bekommt. Vielmehr ist die Krankheit ein Plottwist. Warum genau das eine ganz miese Idee ist, könnt ihr hier nachlesen: The Trope of Curing Disability  und warum das genau auf dieses Buch zutrifft hier: Rezension von Disability in Kid Lit.

Eigene Lesefreude vs. Weiterempfehlung

Was mache ich jetzt mit meiner Erkenntnis? Immerhin hatte das Buch für mich auch viele positive Aspekte? Ganz einfach: Ich freue mich darüber, dass es mir trotzdem gefallen hat, aber ich werde einen Teufel tun und es anderen Leuten in die Hand drücken, damit sie es auch lesen. Nein, nicht einmal mit dem Hinweis: Aber pass auf, das ist irgendwie nicht okay, wie sie das gemacht haben. Nicht mit dem Satz: Aber lass uns hinterher mal darüber sprechen. Ich lasse es einfach. Punkt, aus. Und vor allem werde ich einen Teufel tun und die Problematik wegargumentieren. Wer bin ich zu entscheiden, ob das Buch einer Sache nicht schadet, von der ich selbst gar nicht betroffen bin?

Es geht nicht darum, jemandem Vorwürfe für das zu machen, was er liest und was ihm gefällt. Aber es geht sehr wohl darum, darauf aufmerksam zu machen, dass es nicht okay ist, Bücher weiterzuempfehlen, von denen einem bewusst ist, wie problematisch oder sogar schädlich ihr Inhalt ist. Was wir lesen, was wir kaufen und was wir weiterempfehlen beeinflusst den Buchmarkt. Und es ist an der Zeit, ein Zeichen dafür zu setzen, dass wir kritischer auf das sehen, was wir lesen – wir reden ständig von Feminismus und Diversität, von korrekter Repräsentation. Dann müssen wir aber auch dahinter stehen und den Finger in die Wunde legen anstatt darüber die Schulter zu zucken und zu sagen: Man kann ja hinterher darüber sprechen.

Für eine Weile fand ich es sehr anstrengend zu lesen, weil ich vor allem im Jugendbuchbereich (den ich ja nun hauptsächlich lese) immer wieder über Punkte stolpere, die ich problematisch finde. Ich verstehe, wenn man ein Buch einfach nur genießen möchte. Und das ist ja völlig okay, lest von mir aus, was ihr wollt, lehnt euch zurück, freut euch darüber, dass es euch mitreißt. Ohne schlechtes Gewissen.  Denn hier geht es nur um euch. Aber wenn ihr ganz genau wisst, dass der Inhalt oder ein Aspekt des Inhalts höchst problematisch ist, dann kehrt das nicht unter den Teppich, wenn ihr über das Buch sprecht. Es gibt kein Aber bei falscher Repräsentation, Rassismus, Ableismus und weiteren problematisch dargestellten Themen. Kein noch so gut geschriebener Charakter, keine noch so tolle Sprache oder ausgearbeitete Welt macht das wieder wett.

Advertisements

11 Gedanken zu “|Einfach mal erzählt| Warum man nicht jedes Buch weiterempfehlen sollte

  1. Aurelia | Geekgeflüster schreibt:

    Jetzt würde mich aber interessieren, was denn in der Diskussion, die du mitbekommen hast, als problematisch angesehen wurde: Der Teil, in dem Erotik vorkam, oder der Teil, dass SoG sexistisch und das gefährliche Beziehungsbild daraus eventuell nichts ist, das man einer beeinflussbaren 13-Jährigen in die Hand drücken sollte? Das ist nämlich das nächste, was ich bei solchen Diskussionen oft bemerke: Romantisierung von Gewalt in Beziehungen oder problematische Klischees wie z.B. „Du brauchst nur Liebe, dann verschwindet deine Depression von allein“ werden oft mal übergangen oder runtergespielt, aber wehe es kommt Sex vor.

    • umblaettern schreibt:

      Von der Threaderstellerin, soweit ich das verstanden habe, nur der explizit sexuelle Inhalt. Sie kannte den Inhalt nur von dem, was man so halt mitbekommt. Diese restlichen Aspekte, die mich auch so stören, kamen erst später von anderen zur Sprache. Insgesamt wurde aber deutlich, dass es vielen gar nicht bewusst ist, wie problematisch diese Bücher sind, und das dann darauf angesprochen auch einfach mit oben genannten Sätzen abgewunken wurde.

  2. Elena schreibt:

    Besonders schlimm finde ich so etwas immer bei Kinder- und Jugendbüchern. Natürlich ist so etwas auch in Erotikromanen nicht richtig, aber das sollten ja eigentlich „nur“ Erwachsene und somit reflektierte Menschen lesen.

    Wenn ich dann aber in den Rezensionen bei einem Buch, welches sich explizit an junge Menschen richtet, lese, dass Missbrauch und Vergewaltigung da eine besondere romantische Note reingebracht haben, dann bekomme ich wirklich die Krise. Besonders „Der Märchenerzähler“ ist mir da in bleibender Erinnerung geblieben, wo viele Blogger es offenbar toll fanden, dass Anna in selbstloser Liebe Abel alles verzeiht.

    ich muss aber zugeben, dass ich vor einigen Jahren das Ganze auch noch wesentlich unkritischer gesehen habe. Heutzutage würde ich aber ein solches Buch höchstens noch als absolut ungeeignet rezensieren, wenn überhaupt.

    • umblaettern schreibt:

      Oh Gott, ja, Der Märchenerzähler. Ich kämpfe mich seit Monaten durch Die Attentäter, weil ich Angst habe, dass das auch so schrecklich gelöst wird. Ich find ja schon diese „Er ist ja nur so unnahbar und unfreundlich, weil [hier Klischeegrund einsetzen]“ zum Schreien. Was lernt man daraus? Ist okay, wenn mein Freund sich benimmt wie ein Arsch, er liebt mich trotzdem?

      Ich denke auch, dass man da mit der Zeit da wesentlich kritischer wird, ich fand früher auch Sachen toll, da würde ich heute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber das zeigt nur noch deutlicher, wie unreflektiert man solche Dinge in bestimmten Altersstufen als okay oder normal oder Gott bewahre noch romantisch hinnimmt.

  3. Patricia (@bookxhibitionsm) schreibt:

    Der Artikel macht mich gerade wirklich sehr glücklich.

    Erst einmal: Ich schließe mich davon mit Sicherheit nicht aus. Alleine durch meine Tätigkeit an einer Schule für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen ist mir aufgefallen, wie oft ich sehr undifferenziert und unsensibel mit Medien umgehe. Dasselbe auch in vielen anderen Lebensbereichen. (Alleine sprachlich gesehen fällt mir das häufig auf.)

    Aber gleichzeitig gibt es Themen, bei denen ich durchaus sehr „sensibel“ interagiere, und dann ab und an „enttäuscht“ bin, wenn Diskussionen darüber abgewürgt werden.

    Ich erwarte selten, dass von alleine erkannt wird, wieso ein Buch ggf. problematisch ist. – Wer nicht die „Ich bin krank/Ausländer/qu*er“-Brille trägt, der kann diese Dinge eben vermutlich nicht sehen, außer er versucht dies gezielt. Und niemand muss jetzt auf einmal Supernatural hassen, oder Twilight verbrennen. Darum geht es nicht. Dennoch kann man bestimmt anerkennen, dass Elemente dieser Medien durchaus problematisch, verletzend, beleidigend, und so weiter sein könnten.

    Beispielsweise gab es eine Diskussion über ein YA Buch (koreanischer Junge und amerikanisches Mädchen verlieben sich; koreanischer Junge wird fetischisiert) und die Kernaussage war: „Dass ich dieses fiktive Werk weiterhin lobpreisen und weiterempfehlen kann, ist mir wichtiger als deine Realität -und die Auswirkung von Medien wie diesem Buch auf deine Realität- als Asiatin, die fetischisiert wird.“ (Danach kamen noch Begriffe wie Feminazi, und ich war einfach nur noch traurig..)

    Seitdem ich Auseinandersetzungen verfolgt und selbst erlebt habe, in denen die Gefühle der Betroffenen unter die Unterhaltung von Nicht-Betroffenen gestellt wurden, bin ich immer wieder skeptisch, wenn ich sehe, dass „für mich problematische Titel“ von Freunden oder guten Bekannten mit vier oder fünf Sternen bewertet werden. „Wenn ich diese Person darauf anspreche, werde ich danach jemals wieder mit ihr sprechen wollen?“

    tldr; Es macht mich verdammt froh, solche Artikel wie deinen zu lesen.

  4. Stephie schreibt:

    Ein toller Beitrag, der mich auch zum Nachdenken angeregt hat. Ich selbst habe SoG gelesen und ich fand es insgesamt auch unterhaltsam, obwohl mich einige Punkte durchaus sehr gestört haben. Ich habe es unter bestimmten Aspekten auch weiterempfohlen, wenn eben genau so etwas gesucht wurde. Ich würde das Buch aber NIE einer 13-Jährigen in die Hand drücken. Unabhängig davon, ob sie nicht sowieso in der Lage wäre es sich selbst irgendwie zu besorgen. Ich würde Jugendlichen auch keinen Porno schenken, wenn sie das wollen, nur, weil sie das im Internet sicher auch irgendwo finden würden und sich anschauen könnten. Wenn es danach ginge, könnten wir den Jugendschutz ja gleich ganz abschaffen. Ich finde, es kommt also auch darauf an, wem wir etwas weiterempfehlen. Von Erwachsenen darf man, hoffe ich zumindest, eine kritischere Auseinandersetzung erwarten als von Teenagern, die erst noch herausfinden müssen, wer sie eigentlich sein wollen.

    Zu ‚Du neben mir‘: Nachdem ich den verlinkten Artikel gelesen habe, verstehe ich nun, worum es geht und kann dir nur zustimmen. Als betroffene Person würde ich es auch schrecklich finden, wenn das einzig denkbare Happy End aus Heilung besteht, wenn diese in der Realität so gut wie unmöglich ist. Das ist in der Tat keine schöne Art mit dem Thema umzugehen. Ich will ja auch nicht nur auf meine Schwächen, Macken, Ticks, etc. reduziert werden. Man soll uns so nehmen, wie wir sind, nicht nur die ‚verbesserte‘ Version.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s